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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Pfennige schlagen und den Umtausch aller alten oder fremden, die zuHandelsgeschäften in dies Gebiet kamen, gegen die neuen erzwingenkonnte; er profitierte also bei jeder Verschlechterung seiner Münze dieDifferenz zwischen ihr und der eingetauschten besseren. Allein wie sichzeigte, war dieser Nutzen dadurch bedingt, dafs der Bezirk des Münz-herrn ein relativ grofser war. Für ganz kleine Bezirke lohnte sich dasMünzprivileg nicht, weil der Markt für ihre Münzen ein zu beschränkterwar, so dafs bei dem unsäglichen Leichtsinn, mit dem man jedemKloster und jeder kleinen Stadt ein Prägerecht verlieh, das Münzunheilin Deutschland noch viel ärger geworden wäre, wenn nicht der Nutzender Münzverschlechterung an eine gewisse Gröfse des Bezirks gebundenwäre. Gerade also, weil der gröfsere Kreis seiner sozialwirtschaftlichenStruktur nach ein gutes Geld verlangt, ist der Vorteil an einem auf-gezwungenen schlechten eben nur in ihm nennenswert grofs. Positiverwies sich dies nun weiterhin, indem das Anwachsen des europäischenVerkehrs im 14. Jahrhundert die Einführung des Guldens als all-gemeiner Einheit des Münzsystems und die Verdrängung der Silber-währung durch Goldwährung bewirkte. Schillinge und Pfennige warennun Scheidemünze, die jedes Ländchen und Städtchen für seinen Verkehrund so wertlos, wie es wollte, prägen konnte. Deshalb betraf auch dieVerleihung des Münzrechtes im Mittelalter zunächst nur silberne Münzen;das Recht, Goldmünzen zu schlagen, bedurfte besonderer Gestattung,die wohl nur der Regierung eines gröfseren Territoriums gegeben wurde.Es ist für diese Korrelation äufserst bezeichnend, dafs der letzte Restder römischen Weltherrschaft, der dem Hofe von Byzanz bis zum 6.Jahrhundert verblieb, das ausschliefsliche Recht war, Goldmünzen zuschlagen. Und endlich wird sie dadurch bestätigt, dafs unter den Fällender oben erwähnten lokalen Beschränktheit für die Papiergeldzirkulationinnerhalb des ausgebenden Staates selbst, auch dieser vorkommt: inFrankreich gab es einmal Noten, welche überall, nur nicht inHafenstädten, also nicht an den Punkten des weitausstrahlendenVerkehrs, gelten sollten. Ganz allgemein mufs, sobald der Kreis sicherweitert, auch dem Fremden und den Bezugsländern die Währung an-nehmbar und verführerisch gemacht werden. Denn mit der Vergröfserungdes Wirtschaftskreises geht ceteris paribus Lockerung desselbenHand in Hand: die gegenseitige Einsicht in die Verhältnisse wird unvoll-kommner, das Vertrauen bedingter, die Vollstreckbarkeit der Ansprücheunsicherer. Unter solchen Umständen wird niemand Ware liefern, wenndas Geld, mit dem er bezahlt wird, nur in dem Kreise des Abnehmersmit Sicherheit verwendbar ist, während dies in anderen zweifelhaft ist.