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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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allgemeine geistesgeschichtliche Tendenz, die es in jene Richtung führt.Das Interesse, das wir primärer und unbefangener Weise an den Er-scheinungen nehmen, pflegt dieselben als ungeschiedene Ganze zu um-fassen: wie sie uns als Einheit von Form und Inhalt entgegentreten, soknüpft sich unser Wertgefühl auch an ihre Form, weil sie die Formdieses Inhalts, an ihren Inhalt, weil er der Inhalt dieser Form ist. Aufhöheren Stufen sondern sich diese Elemente und es wenden sich besondereSchätzungsweisen an die Funktion als blofse Form. Die Mannigfaltig-keit des Inhalts, die von dieser getragen wird, erscheint ihr gegenüberoft irrelevant. So schätzen wir z. B. die religiöse Stimmung, unterGleichgültigkeit gegen ihren dogmatischen Inhalt. Dafs diese bestimmteErhebung, Spannung und Versöhnung der Seele überhaupt vorhandensei, die, als ein Allgemeines, die unendliche Verschiedenheit der histori-schen Glaubensinhalte trägt, empfinden wir als wertvoll. So flöfstuns die Kraftbewährung als solche oft einen Respekt ein, den wir ihrenErgebnissen versagen müssen. So wendet sich das verfeinerte ästhetischeInteresse immer mehr dem zu, was am Kunstwerk blofs Kunst ist, derKunstform im weitesten Sinne, unter wachsender Gleichgültigkeit gegenseine Materie, d. h. gegen seinen Vorwurf und gegen die ursprünglichenGefühle, in deren Sublimierung und Objektivierung erst die eigentlichästhetische Funktion, in Produktion wie Konsumtion, verläuft. So emp-finden wir die Erkenntnis als wertvoll, rein als die formale Funktion desGeistes, die Welt in sich zu spiegeln, und insoweit gleichgültig dagegen,ob die Gegenstände und Resultate des Erkennens erfreuliche oder un-erfreuliche, verwertbare oder rein ideelle sind. Diese Differenzierungder Wertgefühle hat nun eine weitere bemerkenswerte Seite. Die ganzeEntwicklung des modernen naturalistischen Geistes geht auf die Ent-thronung der Allgemeinbegriffe und die Betonung des Einzelnen als desallein legitimen Vorstellungsinhaltes. In der Theorie wie in der Praxisdes Lebens wird das Allgemeine als blofs Abstraktes behandelt, dasseine Bedeutung nur an seinem Stoffe, d. h. an greifbaren Einzelheitenfinden kann; indem man sich über diese erhebt, glaubt man ins Leerezu fallen. Dennoch aber ist das Gefühl für die Bedeutsamkeit des All-gemeinen, das einst in Plato seinen Höhepunkt erreichte, nicht ver-schwunden, und eine völlig befriedigende Stellung zur Welt würden wirerst gewinnen, wenn jeder Punkt unseres Bildes von ihr die stofflicheRealität des Singulären mit der Tiefe und Weite des Formal-Allgemeinenversöhnte. So ist der Historismus und die soziale Weltanschauung einVersuch, das Allgemeine zu bejahen und doch seine Abstraktheit zu ver-neinen: ein Erheben über das Einzelne, ein Ableiten des Einzelnen aus

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