Druckschrift 
Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
Seite
202
Einzelbild herunterladen
 

202

bestimmte Reihe von der Erkenntnis des Kausalzusammenhanges zwischenihren Gliedern abhängig. Wenn ich nicht schon wüfste, dals C imstandeist, D hervorzurufen, B ebenso C usw., so würde ich mit meinem Ver-langen nach D ganz hilflos dastehen. Niemals kann also eine teleolo-gische Kette erwachsen, ohne dafs die umgekehrt gerichteten, kausalenVerbindungen ihrer Glieder bekannt wären. Der Zweck vergilt dies,indem er gewöhnlich seinerseits die psychologische Anregung gibt,überhaupt nach kausalen Zusammenhängen zu forschen. Die teleologischeKette findet also ihre inhaltliche, logische Möglichkeit in der kausalen,diese aber ihr Interesse, d. h. ihre regelmäfsige psychologische Möglich-keit in dem Wollen eines Zwecks. Die so bezeichnete Wechselwirkung,die, ganz allgemein gesprochen, das Verhältnis von Theorie und Praxisbedeutet, hat ersichtlich zur Folge, dafs die Vertiefung des kausalen Be-wufstseins mit der des teleologischen Hand in Hand geht. Die Längeder Zweckreihen hängt von der Länge der Kausalreihen ab; und andrer-seits, der Besitz der Mittel erzeugt unzählige Male nicht nur die Ver-wirklichung, sondern erst den Gedanken des Zwecks.

Um diese Verwebung des natürlichen und des geistigen Seins inihrer Bedeutung einzusehen, mufs man sich das scheinbar Selbst-verständliche vor Augen halten, dafs wir mit vielgliedrigen Reihen vonMitteln mehr und wesentlichere Zwecke erreichen können als mit kurzen.Der primitive Mensch, dessen Kenntnis der natürlichen Ursächlichkeitensehr beschränkt ist, ist dadurch in seinen Zwecksetzungen ebenso be-schränkt. Die Zweckkurve wird bei ihm als Mittelglieder kaum mehrals das eigene physische Tun und die unmittelbare Einwirkung auf jeein Objekt enthalten; wenn nun von diesem nicht die erhoffte Rück-wirkung auf ihn erfolgt, so wird die Einschiebung einer magischen In-stanz, von der er durch irgend ein Beeinflussen die Bewirkung des ge-wünschten Erfolges erhofft, doch weniger als Verlängerung der teleo-logischen Reihe, denn als Beweis für die Untunlichkeit derselbenerscheinen. Wo jene kurze Reihe also nicht ausreicht, wird er entwederauf den Wunsch verzichten, oder, unendlich häufiger, ihn überhauptnicht ausbilden. Die Verlängerung der Reihe bedeutet, dafs das Subjektdie Kräfte der Objekte in steigendem Mafse für sich arbeiten läfst. Jemehr die primitiven Bedürfnisse schon befriedigt sind, desto mehrGlieder pflegt die teleologische Reihe zu fordern, und erst einer sehrverfeinerten Kausalerkenntnis gelingt dann manchmal die Reduktion derGliederzahl, indem sie unmittelbarere Zusammenhänge, kürzere Wegeinnerhalb der natürlichen Ordnung der Dinge entdeckt. Dies kann sichbis zu einer Umkehrung des natürlichen Verhältnisses steigern: in