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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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relativ primitiven Zeiten werden die einfachen Lebensbedürfnisse nochdurch einfache Zweckreihen beschafft, während es für die höheren unddifferenzierten vielgliedriger Umwege bedarf; die vorgeschrittenetechnische Kultur dagegen pflegt gerade für die letzteren relativ ein-fachere, direktere Herstellungsarten zu besitzen, wogegen die Gewinnungder fundamentalen Erfordernisse des Lebens auf immer gröfsereSchwierigkeiten stöfst, die durch immer kompliziertere Mittel über-wunden werden müssen. Die Kulturentwdcklung geht, mit einem Wort,auf Verlängerung der teleologischen Reihen für das sachlich Nahe-liegende und Verkürzung derselben für das sachlich Fernliegende. Undhier tritt der äufserst wichtige Begriff des Werkzeugs in unsereErwägung des Zweckhandelns ein. Die primäre Form jener teleo-logischen Kurve ist doch die, dafs unser Tun ein äufseres Objekt zuReaktionen veranlafst, die, gemäfs der eigenen Natur desselben ver-laufend, an den Punkt der erwünschten Einwirkung auf uns gelangen.Das Werkzeug bedeutet nun die Einschiebung einer Instanz zwischendem Subjekt und diesem Objekt, die nicht nur zeitlich-räumlich, sondernauch inhaltlich eine Mittelstellung zwischen ihnen einnimmt. Denn esist einerseits zwar ein äufseres Objekt von blofs mechanischer Wirk-samkeit, andrerseits aber auch eins, auf das nicht nur, sondern mitdem wie mit der Hand gewirkt wird. Das Werkzeug ist daspotenzierte Mittel, denn seine Form und sein Dasein ist schon durchden Zw T eck bestimmt, während bei dem primären teleologischen Prozefsdie natürlichen Existenzen erst nachträglich in den Dienst des Zweckesgestellt werden. Wer einen Samen in die Erde steckt, um später dieFrucht des Gewächses zu geniefsen, statt sich mit der wild wachsendenzu begnügen, handelt teleologisch, aber die Erscheinung des Zweckesmündet an der Grenze seiner Hand; wenn aber bei dieser GelegenheitHacke und Spaten verwendet werden, so ist der Punkt, von dem an dienatürlichen Prozesse sich selbst überlassen sind, weiter hinausgeschoben,das subjektiv bestimmte Moment ist dem objektiven gegenüber ver-längert. Mit dem Werkzeug fügen wir der Zweckreihe allerdings einneues Glied freiwillig zu, damit aber nur beweisend, dafs keineswegsjeder Weg in dem Mafse der kürzere ist, in dem er der gerade ist.Das Werkzeug ist der Typus dessen, was man in der Aufsenwelt unserGeschöpf nennen könnte, indem es, gleichsam an dem einen Ende, ganzvon unseren Kräften geformt wird und am anderen ganz in unsereZwecke eingeht; gerade dadurch, dafs es selbst nicht Zweck ist, fehltihm jene relative Selbständigkeit, die der Zweck besitzt, sei es, dafs eruns als absoluter Wert an sich selbst gelte, sei es, dafs wir von ihm