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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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eine Wirkung auf uns erwarten: es ist das absolute Mittel. Das

Werkzeug-Prinzip ist nun keineswegs nur an Physischem wirksam. Viel-mehr dort, wo das Interesse nicht unmittelbar der materiellen Produktiongilt, sondern geistige Bedingungen und Seiten derselben oder überhauptimmaterielle Geschehnisse in Frage stehen, gewinnt das Werkzeugeigentlich eine noch reinere Form, insofern es nun wirklich ganz dasGeschöpf unseres Willens ist und sich nicht mit der Besonderheit undinneren Zweckfremdheit einer Materie abzufinden hat. Den aus-geprägtesten Typus bilden hier vielleicht die sozialen Institutionen, durchderen Benutzung der Einzelne Z\Yecke erreichen kann, zu denen seinblofs persönliches Können niemals zureichen würde. Ganz abgesehenvon dem Allerallgemeinsten: dafs das Teilhaben am Staat durch denäufseren Schutz, den er gewährt, überhaupt die Bedingung für die Mehr-zahl individueller Zweckhandlungen ist so verschaffen etwa die be-sonderen Einrichtungen des Zivilrechts dem Wollen des EinzelnenRealisierungsmöglichkeiten, die ihm sonst völlig versagt blieben. Indemsein Wille den Umweg über die Rechtsform des Vertrags, des Testa-ments, der Adoption usw. einschlägt, benutzt er ein von der Allgemein-heit hergestelltes Werkzeug, das seine eigene Kraft vervielfältigt, ihreWirkungslinien verlängert, ihre Resultate sichert. Aus den Wechsel-wirkungen der Vielen entstehen, indem das Zufällige sich gegenseitigabschleift und die Gleichmäfsigkeit der Interessen eine Summierung derBeiträge gestattet, objektive Einrichtungen, die gleichsam die Zentral-station für unzählige teleologische Kurven der Individuen bilden unddiesen ein völlig zweckmälsiges Werkzeug für die Erstreckung derselbenauf sonst Unerreichbares bieten. So verhält es sich auch mit dem kirch-lichen Kultus: er ist ein von der Gesamtheit der Kirche bereitetes, diefür dieselbe typischen Empfindungen objektivierendes Werkzeuggewils ein Umweg für die innen und oben gelegenen Endziele derReligiosität, aber der Umweg über ein Werkzeug, das, im Unterschiedevon allen materiellen Werkzeugen, sein ganzes Wesen darin hat, blolsWerkzeug zu jenen Zielen zu sein, die das Individuum für sich allein,d. h. auf direktem Wege, nicht glaubt gewinnen zu können.

Und damit ist endlich der Punkt erreicht, an dem das Geld in denVerwebungen der Zwecke seinen Platz findet. Ich mufs mit All-bekanntem beginnen. Beruht aller wirtschaftliche Verkehr darauf, dafsich etwas haben will, was sich zur Zeit im Besitze eines anderen be-findet, und dafs er es mir überläfst, wenn ich ihm dafür etwas über-lasse, was ich besitze und er haben will: so liegt auf der Hand, dafsdas letztgenannte Glied dieses zweiseitigen Prozesses sich nicht immer