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irgendeinen sachlichen Vorteil oder grölsere Bequemlichkeit böte. Alleinman erkauft mit dem höheren Preise das ausschliefsliche Zusammenseinmit Personen, die einen solchen nur anlegen, um von den billigerFahrenden abgeschlossen zu sein. Hier kann sich der Wohlhabendereeinen Vorteil ganz unmittelbar dadurch, dafs er mehr Geld bezahlt —nicht erst vermöge eines sachlichen Äquivalents für seinen Aufwand —verschaffen. Äufserlich genommen liegt damit das Gegenteil des Super-additums vor, denn es wird dem Wohlhabenden für sein Geld nichtrelativ mehr, sondern relativ weniger geleistet als dem Armen. Alleindennoch ist das Superadditum des Geldes hier sozusagen in negativer,aber besonders reiner Gestalt gegeben: der Wohlhabende gewinnt seinenVorteil ohne Umweg über eine Sache und ausschliefslich dadurch, dafsAndere nicht soviel Geld aufwenden können wie er. Ja sogar als eineArt moralischen Verdienstes gilt der Reichtum; was sich nicht nur indem Begriff der Respectability oder in der populären Bezeichnung wohl-habender Leute als »anständiger«, als »besseres Publikum« ausdrückt,sondern auch in der Korrelaterscheinung: dafs der Arme behandelt wird,als hätte er sich etwas zu schulden kommen lassen, dafs man den Bettlerim Zorne davonjagt, dafs auch gutmütige Personen sich zu einer selbst-verständlichen Überlegenheit über den Armen legitimiert glauben. Wennfür die Strafsburger Schlossergesellen im Jahr 1536 bestimmt wird, derMontag Nachmittag solle für alle die arbeitsfrei sein, die über acht KreuzerLohn hätten, so wird damit den materiell besser Situierten eine Wohltaterwiesen, die nach der Logik der Moral gerade den Dürftigen hätte zu-kommen sollen. Aber gerade zu so perversen Erscheinungen steigertsich mehr als einmal das Superadditum des Reichtums: der praktischeIdealismus, etwa äufserlich unbelohnter wissenschaftlicher Arbeit, wirdfür gewöhnlich an einem reichen Manne mit gröfserem Respekt betrachtet,als ethisch hervorragender verehrt, als an einem armseligen Schulmeister!Dieser Wucherzins des Reichtums, diese Vorteile, die er seinem BesitzerZuwachsen läfst, ohne dafs dieser etwas dafür aufzuwenden hätte, ist andie Geldform der Werte geknüpft. Denn alles dies ist offenbar Ausdruckoder Reflex jener unbegrenzten Freiheit der Verwendung, die das Geldallen anderen Werten gegenüber auszeichnet. Hierdurch kommt zustande,dafs der Reiche nicht nur durch das wirkt, was er tut, sondern auchdurch das, was er tun könnte: weit über das hinaus, was er nun wirk-lich mit seinem Einkommen beschafft, und was andere davon profitieren,wird das Vermögen von einem Umkreis zahlloser Verwendungsmöglich-keiten umgeben, wie von einem Astralleib, der sich über seinen konkretenUmfang hinausstreckt: darauf weist unzweideutig hin, dafs die Sprache