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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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heraus. Während die Unbesoldetheit der Stellungen das Geldinteressevon dem Interesse des Dienstes scheint lösen zu sollen, wird so geradedie Beamtenstellung mit allen Ehren, Macht und Chancen, die sie bietet,zu einem Annex des Reichtums. Und dals sich dies an die Geldformdesselben knüpft, liegt nahe, weil nur diese wegen ihrer teleologischenIndifferenz der Persönlichkeit die ganz freie Disposition über ihre Zeit,Aufenthaltsort und Betätigungsrichtung läfst. Wenn der Reichtum, wiewir oben sahen, an sich schon Ehrungen erwirbt und, den Doppelsinndes »Verdienstes« mifsbrauchend, sich einer Art moralischer Schätzungerfreut, so verdichtet sich dies bei unbesoldeten Staatsfunktionen zu dem,dem Armen unerreichbaren, Machtbesitz der führenden Ämter. Undmit diesen ist nun wieder das weitere Superadditum des Ruhmespatriotischer Aufopferung verbunden, der sicher oft verdient ist, aberauch auf ganz andere als ethische Motive hin dem blofsen Geldbesitzsozusagen auf rein technischem W ege zu Gebote steht. DasGleiche noch eine Stufe höher hinaufverfolgend, sehen wir wie Endedes Mittelalters z. B. in Lübeck , wohlhabende Leute sich gern anmehreren Bruderschaften beteiligten, um dadurch um so sichrer fürihr Seelenheil zu sorgen. Die mittelalterliche Kirche stellte auch fürden Gewinn der religiösen Güter technische Wege zur Verfügung, dienur für den Reichen gangbar waren und zunächst einmal noch jenseitsihres transszendenten Zieles ein Quantum irdischen Ansehens und Vorteils,wie jene Teilhaberschaft an mehrerlei Bruderschaften, als ihre unbezahlteZugabe mit sich brachten. Mehr nach einer rein psychologischen Seite hinzeitigt das Überschreiten der vorhin bezeichneten Vermögensgrenze dasfolgende Superadditum. Bei einem oberhalb ihrer stehenden Vermögenspielt die Frage, was ein begehrter Gegenstand kostet, in vielen Fällenüberhaupt keine Rolle mehr. Das besagt viel mehr und tieferes, als dergewöhnliche Sprachgebrauch mit diesem Ausdruck verbindet. So langenämlich das Einkommen noch in der angedeuteten Weise irgendwie fürbestimmte Verwendungen festgelegt ist, ist jede Ausgabe unvermeidlichmit dem Gedanken der für sie erforderten Geldaufwendung belastet; fürdie Mehrzahl der Menschen schiebt sich zwischen Wunsch und Be-friedigung noch die Frage: was kostet es? und bewirkt eine gewisseMaterialisierung der Dinge, die für den wirklichen Geldaristokraten aus-geschaltet ist. Wer Geld über ein bestimmtes Mafs hinaus besitzt, ge-winnt damit noch den zusätzlichen Vorteil, es verachten zu können. DieLebensführung, die nach dem Geldwert der Dinge überhaupt nicht zufragen braucht, hat einen aufserordentlichen ästhetischen Reiz, sie kannsich über Erwerbungen nach nur sachlichen, ausschliefslich von dem