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Inhalt und der Bedeutung der Objekte abhängigen Gesichtspunkten ent-scheiden. In so vielen Erscheinungen die Herrschaft des Geldes auchdie Eigenartigkeit der Dinge und deren Bewufstsein herabsetzen mag,so sind doch auch die anderen unverkennbar, in denen das Geld diesesteigert: Qualitäten der Objekte haben mindestens die psychologischeChance — so selten sie realisiert sein mag — um so individuellerhervorzutreten, je mehr das ihnen Gemeinsame, der ökonomische Wert,auf ein aufser ihnen stehendes Gebilde projiziert und in ihm lokalisiertist. Indem nun jene Lebensführung nach dem Geld nicht fragt, entgehtsie den Ablenkungen und den Schatten, die der rein sachlichen Qualitätund Wertung der Dinge durch die dieser innerlich ganz fremde Be-ziehung auf ihren Geldpreis kommen. Wo also selbst der etwas wenigerBemittelte denselben Gegenstand kaufen kann, wie der ganz Reiche, ge-niefst dieser noch das psychologische Superadditum einer Leichtigkeit,Unmittelbarkeit, Unabgelenktheit des Erwerbes und Genusses, die jenemdurch die vor- und mittönende Geldopferfrage getrübt wird. Wenn wirnachher sehen werden, dafs die Blasiertheit gerade umgekehrt die Ab-stumpfung gegen die Besonderheiten und sachlichen Reize der Dingezum Schatten des Geldreichtums macht, so ist dies kein Beweis gegenjenen Zusammenhang, sondern nur einer für das Wesen des Geldes:durch seine Entfernung von jeder eigenen Bestimmtheit die völlig ent-gegengesetzt verlaufenden Fäden des inneren und äufseren Lebens auf-zunehmen und jedem in der ihm eigenen Richtung ein Werkzeugentschiedenerer Herausbildung und Darstellung zu sein. Darin liegt dieunvergleichliche Bedeutung des Geldes für die Entwicklungsgeschichtedes praktischen Geistes; mit ihm ist die bisher äufserste Verminderungder Besonderheit und Einseitigkeit aller empirischen Gebilde erreicht.Was man die Tragik der menschlichen Begriffsbildung nennen könnte:dafs der höhere Begriff die Weite, mit der er eine wachsende Anzahlvon Einzelheiten umfafst, mit wachsender Leere an Inhalt bezahlen mufs,gewinnt im Gelde sein vollkommenes praktisches Gegenbild, d. h. dieDaseinsform, deren Seiten Allgemeingültigkeit und Inhaltslosigkeit sind,ist im Geld zu einer realen Macht geworden, deren Verhältnis zu allerEntgegengesetztheit der Verkehrsobjekte und ihrer seelischen Umgebungengleichmäfsig als Dienen wie als Herrschen zu deuten ist. DasSuperadditum des Geldbesitzes ist nichts als eine einzelne Erscheinungdieses, man möchte sagen, metaphysischen Wesens des Geldes, dals esüber jede Einzelverwendung seiner hinausreicht und, weil es das absoluteMittel ist, die Möglichkeit aller Werte als den Wert aller Möglichkeitenzur Geltung bringt.