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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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schlossen sie sich selbst von den Interessen der Anderen aus: sieschwuren nicht, konnten also keine öffentlichen Ämter übernehmen, sieverschmähten alles, was mit dem Schmuck des Lebens zusammenhängt,sogar den Sport, sie mufsten sogar den Landbau aufgeben, weil sie denKirchenzehnten verweigerten. So waren sie, um überhaupt noch einäufseres Lebensinteresse zu haben, auf das Geld hingewiesen, als auf daseinzige, zu dem sie sich den Zugang nicht versperrt hatten. Ganz ent-sprechend hat man über das herrenhuterische Leben bemerkt, dafs ihmaller ideale Gehalt von Wissenschaften, Künsten, heiterer Geselligkeitfehle, und es so neben dem religiösen Interesse nur noch die nackte Erwerbs-lust als praktischen Impuls bestehen lasse. Die Betriebsamkeit undHabsucht vieler Herrenhuter und Pietisten sei deshalb kein Anzeichenvon Heuchelei, sondern von einem kranken, vor den Kulturinteressenflüchtigen Christentum, von einer Frömmigkeit, die nichts irdisch Hohesneben sich duldet, sondern eher noch ein irdisch Niedriges. Ja selbstfür die entgegengesetzten Stufen der sozialen Skala bleibt es verhängnis-voll, dafs nach Wegfall aller anderen Interessen das am Gelde nochimmer als letzte, zäheste, überlebendste Interessenschicht beharrt. Dafsder französische Adel des ancien regime sich von seinen sozialen Pflichtenzurückzog, lag an der wachsenden Zentralisierung des Staates, der dieVerwaltung des bäuerlichen Gebietes selbst in die Hand genommenhatte. Indem der Staat dem Adel alle inhaltlich wertvollen Herrschafts-funktionen abnahm, hatte für diesen der Güterbesitz keine andere Be-deutung mehr, als: möglichst viel Geld herauszuschlagen. Dies war derletzte, ihm nicht wegzunehmende Interessenpunkt, und auf ihn reduziertesich deshalb alles, was sonst an lebendiger Verbindung zwischen Adelund Bauer bestanden hatte und wovon der erstere nun abgedrängt war.Macht aber jene nicht zu raubende Möglichkeit schon das Geldgeschäftzur ultima ratio sozial benachteiligter und bedrückter Elemente, so wirktfür sie positiv noch die Macht des Geldes, Stellungen, Einflufs, Genüssenoch da zu gewinnen, wo man von gewissen direkten Mitteln des sozialenRanges: der Beamtenqualität, bestimmten, ihnen vorenthaltenen Berufen,der Persönlichkeitsentfaltung, ausgeschlossen ist. Denn weil das Geldzwar blofses Mittel, dieses aber auch in absolutem Mafse ist, und sojede Präjudizierung durch irgend eine sachliche Bestimmtheit ablehnt, soist es ebenso der unbedingte terminus a quo zu allem hin, wie es derunbedingte terminus ad quem von allem her ist. Darum treten ganzentsprechende Erscheinungen auf, wo kein Ausschlufs einer Gruppen-abteilung von den Zweckreihen der anderen vorliegt, sondern die gleicheteleologische Formung sich auf die ganze Gruppe erstreckt. Von den