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hineinziehende Beziehung besitze. Der Grundbesitz hat und verleiht soeine gewisse Dignität, die ihn vor allen andern Besitzarten selbst dannauszeichnet, wenn der Nutzerfolg dieser für den Besitzer ein gleicheroder auch gröfserer ist, so dafs er oft genug unter Opfern festgehaltenworden ist, wie man sie in ähnlicher Weise nur für ein objektives Idealbringt. Es steckt also in der Bedeutung des Grundbesitzes ein Elementabsoluten Wertes, die Vorstellung begleitet ihn — oder hat ihn wenigstensbegleitet —, es sei eben wertvoll, Grundbesitzer zu sein, und selbst dann,wenn dieser Wert nicht in einem Nutzen zum Ausdruck komme. Sokann die Bindung an den Grundbesitz eine religiöse Färbung annehmen,der sie sich z. B. in der besten Zeit Griechenlands näherte. Die Ver-äufserung des Grundbesitzes erschien als ein Vergehen nicht nur gegendie Kinder, sondern auch gegen die Ahnen, da sie die Familienkontinuitätunterbrach; ja, gerade auch der Umstand, dafs er nicht leicht vermehrbarwar, begünstigte seine Funktion als Träger der überindividuellen, religiösgeheiligten Familieneinheit. Insbesondere aber im Mittelalter hatte derGrundbesitz viel mehr den Rang eines absoluten Wertes, als er ihn jetzthat; denn wenn er auch selbstverständlich zunächst um seines Ertragesund des Genusses desselben willen gesucht und insofern ein relativerWert war, so hatte er an und für sich doch gegenüber seiner Rolle inder Geldwirtschaft eine eigenartige Bedeutung, weil er nicht immerzu inGeld umgesetzt und nach Geld taxiert wurde. Er hatte sozusagen keinÄquivalent, die Wertreihe, in der er stand, schlofs mit ihm ab. Mobilienmochte man gegeneinander vertauschen, der immobile Besitz war, cumgrano salis, etwas Unvergleichliches, der Wert schlechthin, der unbewegteGrund, über dem sich die eigentliche ökonomische Bewegung erst voll-zog, und der an sich jenseits dieser stand. So war es doch wohl nichtnur das ökonomisch-relativistische Interesse, aus dem die Kirche ihn sichanzueignen strebte: soll doch anfangs des 14. Jahrhunderts fast die Hälftedes englischen Grundes und Bodens und zur Zeit Philipps II. mehr alsdie Hälfte des spanischen in den Händen des Klerus gewesen sein —wie noch jetzt im Kirchenstaat Tibet zwei Drittel aller produktiven Län-dereien dem Klerus gehören! Wie die Kirche dem mittelalterlichenLeben die festen, scheinbar für die Ewigkeit gegründeten Normen seinesVerlaufes gab, so mufste es im realen wie im symbolischen Sinn an-gemessen scheinen, dafs sie auch jenen fundamentierenden Wert allerWerte in ihrer Hand umschlofs. Die Unveräufserlichkeit des kirchlichenGrundbesitzes war nur die bewufste und gesetzmäfsige Festlegung diesesinneren Charakters seiner. Sie dokumentierte nur, dafs die Wertbew r egunghier an ihren Endpunkt gekommen, dafs hier das Äufserste und Definitive