Druckschrift 
Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
Seite
249
Einzelbild herunterladen
 

249

leeren Wesen nach jedem eigentlichen Verhältnis zu uns entzieht; wennder Wunsch also nicht darüber hinaus zu einem konkreten Ziel schreitet, somufs eine tötliche Enttäuschung eintreten; wie sie denn auch unzähligeMale da erfahren wird, wo der leidenschaftlich und als fraglose Be-glückung ersehnte Geldreichtum sich nach seiner Erreichung als dasenthüllt, was er wirklich ist: als ein blofses Mittel, dessen Hinauf-schraubung zu einem Endzweck seine Erreichung nicht überstehenkonnte. Während hier also die fürchterlichste Diskrepanz zwischenAVunsch und Erfüllung besteht, findet genau das Umgekehrte statt, so-bald der psychologische Endzweckcharakter des Geldes sich für die Dauergefestigt hat und die Geldgier also ein chronischer Zustand geworden ist.In diesem Fall nämlich, wo die begehrte Sache überhaupt nichts gewährensoll als ihren Besitz, und wo diese Beschränkung des Wunsches nichtnur eine vorübergehende Selbsttäuschung Ut, da ist auch jeder Ent-täuschung vorgebeugt. Alle Dinge, die wir sonst zu besitzen begehren,sollen uns doch mit ihrem Besitz etwas leisten und in der unzulänglichenVorberechnung dieser Leistung liegt die ganze, oft tragische, oft humo-ristische Inkommensurabilität zwischen Wunsch und Erfüllung, von derich eben sprach. Das Geld aber soll dem Geizhals von vornherein nichtsüber seinen blofsen Besitz hinaus leisten. Das Geld als solches kennenwir genauer, als wir irgend einen Gegenstand sonst kennen; weil näm-lich überhaupt nichts an ihm zu kennen ist, so kann es uns auch nichtsverbergen. Als absolut qualitätloses Ding kann es nicht, was doch sonstdas armseligste Objekt kann: Überraschungen oder Enttäuschungen inseinem Schofse bergen. AVer also wirklich und definitiv nur Geld will,ist vor diesen absolut sicher. Die allgemeine menschliche Unzulänglich-keit, dafs das Gewonnene anders aussieht als das Ersehnte, erreichteinerseits ihren Gipfel in der Geldgier, sobald diese das Zweckbewufst-sein nur in illusionärer und nicht haltbarer AVeise erfüllt; sie ist aberandrerseits völlig ausgelöscht, sobald der Wille wirklich definitiv amGeldbesitz Halt macht. Wenn man die menschlichen Lose in das Schemader Verhältnisse zwischen dem AVunsch und seinem Gegenstand fassenwill, so mufs man sagen, dafs je nach dem Haltpunkt der Zweckreihedas Geld zwar der inadäquateste, aber auch der adäquateste Gegenstandunseres Begehrens ist.

Übrigens mufs der Machtcharakter des Geldes, auf den ich jetzt nocheinmal komme, fast am fühlbarsten, wenigstens am unheimlichsten dahervortreten, wo die Geldwirtschaft noch nicht vollkommen durchgedrungenund selbstverständlich ist, sondern wo das Geld seine zwingende Machtan Verhältnissen zeigt, die ihm, ihrer eigentlichen Struktur nach, nicht