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von selbst gehorchen. Dals gerade in der höchst ausgebildeten Kulturdas Geld seinen Machthöhepunkt erreicht zu haben scheint, liegt daran,dals in ihr freilich unendlich viele, früher überhaupt unbekannte Objekteihm zur Verfügung stehen; aber sie sind von vornherein auf den Ge-horsam gegen das Geld angelegt, es kommt nicht zu jener Reibung, diedie ganze Art und Wertungsweise naturalerer Verhältnisse dem ihnenheterogenen Geldwesen entgegensetzen, und deren Überwindung erst dasBewufstsein der Macht besonders zuspitzen mufs. Wie das Geld derWert der Werte ist, so nennt ein Kenner des indischen Lebens denindischen Dorfbankier, den Geldleiher: the man of all men in the village;sein indischer Name bedeute: the great man! Es wird hervorgehoben,dafs, als im 13. Jahrhundert zuerst wieder gröfsere Kapitalvermögen auf-kamen, das Kapital ein Machtmittel war, das der Masse des Volkes nochunbekannt war und zu dessen Wirkung deshalb noch der psychologischeZuschlag des Unerhörten und sozusagen Überempirischen trat. Ganzabgesehen davon, dafs Kirche und Volk damals das Geldgeschäft über-haupt verwerflich fanden — zu dem kirchlichen Grundsatz: mercator sinepeccamine vix esse potest, bekannte sich sogar ein Kölner Patrizier des13. Jahrhunderts — mufste die Ausnutzung einer so mystischen und un-berechenbaren Macht, wie das Kapital war, als etwas sittlich bedenk-liches, als ein vergewaltigender Mifsbrauch erscheinen. Und wie so oftirrige Vorurteile den davon Betroffenen in ihre Bewahrheitung hinein-treiben, so verfielen die handelsaristokratischen Geschlechter dieser Zeittatsächlich dem gewissenlosen Mifsbrauch ihrer Macht, dessen Art undUmfang eben durch die Neuheit des Geldkapitals und die Frische seinesEindrucks auf ganz anders konstruierte Verhältnisse möglich war. Damithängt es zusammen, dafs das niedere Volk — vom Mittelalter an bis indas 19. Jahrhundert hinein — sich die Entstehung grofser Vermögenals mit nicht ganz rechten Dingen zugegangen und ihre Besitzer als.etwas unheimliche Persönlichkeiten zu denken pflegt: über den Ursprungdes Vermögens der Grimaldi, der Medici, der Rothschild waren dieärgsten Schauermärchen verbreitet, und zwar nicht nur im Sinne mora-lischer Zweideutigkeit, sondern in abergläubischer Weise, als wäre einedämonische Macht im Spiel.
Indem die auseinandergesetzte Art des im Geld verkörperten Könnensihm ein sublimiertes Machtgefühl gerade vor seinem AusgegebenwerdenZuwachsen läfst — der »fruchtbare Moment« ist in ihm gleichsam zumStehen gekommen —, ist der Geiz eine Gestaltung des Willens zurMacht und zwar, den Charakter des Geldes als des absoluten Mittels be-leuchtend, so, dafs die Macht wirklich nur Macht bleibt und sich nicht