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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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in ihre Ausübungen und deren Genufs umsetzt. Dies ist ein wichtigesErklärungsmoment für den Geiz des hohen Lebensalters. Gewifs istdiese Tendenz als Fürsorge für die nächste Generation zweckmäfsigso wenig dieses Motiv gerade dem Geizhals bewufst zu sein pflegt, dervielmehr, je älter er wird, um so weniger an die Trennung von seinenSchätzen denken mag. Subjektiv ist vielmehr wohl der Umstand wesent-lich, dafs im Alter einerseits die sinnlichen Seiten des Lebens ihren Reizoder die Möglichkeit des Genossenwerdens verlieren, andrerseits die Idealedurch Enttäuschungen und Mangel an Schwung ihre erregende Krafteinbüfsen; so bleibt als letztes Willensziel und Lebensreiz oft nur nochdie Macht übrig, die sich zum Teil in der Neigung des Alters, zu tyranni-sieren, offenbart, und darin, dafs Personen höherer Stellungen im Alteroft eine krankhafte Sucht nach »Einflufs« zeigen; zum Teil aber im Geize,für den eben dieselbe abstrakte »Macht« sich im Geldbesitz verkörpert.Ich halte es für einen Irrtum, wenn man sich jeden Geizigen mit derAusmalung aller ihm zur Verfügung stehenden Genüsse, all der reizvollenVerwendungsmöglichkeiten des Geldes beschäftigt denkt. Die reinsteForm des Geizes ist vielmehr die, in der der Wille wirklich nicht Uberdas Geld hinausgeht, es auch nicht einmal in spielenden Gedanken alsMittel für Anderes behandelt, sondern die Macht, die es gerade als nichtausgegebenes repräsentiert, als definitiven und absolut befriedigendenWert empfindet. Für den Geizigen liegen alle sonstigen Güter in derPeripherie des Daseins und von jedem derselben führt ein eindeutig ge-richteter Radius seinem Zentrum, dem Gelde, zu, und es hielse das ganzespezifische Lust- und Machtgefühl verkennen, wenn man diese Richtungumdrehen und sie von ihrem Endpunkt auch nur innerlich wieder aufdie Peripherie zurückleiten wollte. Denn indem die Macht, die in jenemZentrum ruht, in das Geniefsen konkreter Dinge umgesetzt würde, gingesie als Macht verloren. Unser Wesen ist auf die Zweiheit von Herrschenund Dienen angelegt und wir schaffen uns Beziehungen und Gebilde, diebeiden einander ergänzenden Trieben in mannigfaltigsten Mischungengenugtun. Im Gegensatz zu der Macht, die das Geld verleiht, erscheintdas Unwürdige des Geizes von einem Dichter des 15. Jahrhunderts er-schöpfend ausgedrückt: wer dem Geld dient, der sei »seines KnechtesKnecht«. Tatsächlich enthält der Geiz, indem er uns vor einem gleich-gültigen Mittel wie vor einem höchsten Zwecke knieen läfst, die subli-mierteste, man könnte sagen: karikierte Form inneren Unterworfenseins,wie ihn auf der anderen Seite das sublimierteste Machtgefühl trägt. DasGeld zeigt auch hier sein Wesen, unseren antagonistischen Strebungenein gleichmäfsig entschiedenstes und reinstes Sichdarstellen zu gewähren.