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verhält es sich mit der italienischen Lotterie, während die moderneAktiengesetzgebung vieler Staaten dieser Gefahr für den Volkswohlstanddurch die Festsetzung eines ziemlich hohen Minimums für den Nennwertjeder zu emittierenden Aktie zu begegnen sucht. Wenn ein spekulativerWert, Unternehmen, Anleihe usw. in sehr kleinen Anteilen angebotenwird, so täuscht die objektive Geringfügigkeit derselben, d. h. ihre Ge-ringfügigkeit im Verhältnis zu dem Gesamtbeträge leicht darüber, dafssie subjektiv, d. h. im Verhältnis zu dem Vermögen des Erstehers, rechtbedeutend sind. Und die weitere Tatsache, dafs mit einer objektiv sokleinen Summe überhaupt ein spekulativer Gewinn zu machen ist, läfstmanchen vergessen, dafs seine Verhältnisse ihm nicht das Risiko dieserSumme erlauben. Das Tragische dabei ist, dafs Leute, deren Einkommennur das Existenzminimum gewährt und die deshalb überhaupt nichtsriskieren dürften, solchen Versuchungen gerade am stärksten unterworfensind. Nicht nur der auf Wahrscheinlichkeit basierte Gewinn ist dem-jenigen, dessen Lage einen solchen eigentlich am nötigsten macht, geradedurch die Logik dieser Lage versagt, sondern auch die auf Wahrschein-lichkeit basierte Sicherung gegen Verluste, die gerade diese Lage amwenigsten ertragen kann. Von der Versicherung der Dienstherrschaften,durch die sie sich die gesetzliche Verpflegung der Dienstboten in Krank-heitsfällen für eine relativ kleine Prämie abkaufen, machen geradeärmere Familien oft keinen Gebrauch. Ihnen zwar ist die Versorgungder erkrankten Dienstboten besonders schwer, und doch lassen sie esgerade darauf ankommen, weil bei sehr geringem Einkommen der sichereAufwand einer kleinen Summe unerträglicher erscheint, als die blofseChance eines viel höheren —- so irrationell dies auch rein rechnerischsein mag. Ersichtlich liegt innerhalb des Einkommens oder Vermögensjene Grenze, von der an das,Risiko wirtschaftlich zu rechtfertigen ist,um so niedriger, d. h. sie läfst einen um so gröfseren Teil für spekulativeZwecke frei, je besser die Persönlichkeit situiert ist — und zwar nichtnur einen absolut gröfseren, was sich von selbst versteht, sondern aucheinen relativ, d. h. im Verhältnis zum Gesamteinkommen gröfseren. Auchbesteht diese Differenz nicht etwa nur zwischen ganz hohen und ganztiefen pekuniären Lagen, sondern schon geringe Differenzen derselbenkönnen unter übrigens gleichen Umständen die Rechtfertigung differenterRisikoquoten merkbar machen. Dies ist nicht nur ein weiterer Beitragzu dem oben behandelten Superadditum des Reichtums — denn offenbarhat ein Vermögen um so gröfsere Chance, sich zu vermehren, ein jegröfserer Teil davon ohne Erschütterung der ökonomischen Existenz desBesitzers spekulativ angelegt werden kann — sondern es zeigt auch, wie