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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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nicht, wenn die von ihnen eingenommenen Flächen nicht eine erheblichereAusdehnung haben-, vorher sind es einfache Tatsächlichkeiten, die zwardie Schwelle des sinnlichen Bewulstseins, aber nicht die des ästhetischenüberschreiten. So gibt es eine historische Schwelle, die die merkwürdigeUnproportionalität zwischen personalen Energien und ihren historischenErfolgen bewirkt. Es hat viele indische Asketen gegeben, die ganzähnliches wie Gotama lehrten aber nur dieser ist der Buddha ge-worden; sicher vielerlei jüdische Lehrer, deren Predigten nicht viel vonder Jesu abwichen aber nur dieser hat die Weltgeschichte bestimmt.Und so überall: die Bedeutungen der Persönlichkeiten bilden eine kon-tinuierliche Skala, aber es gibt in ihr einen Punkt, oberhalb dessen erstdie geschichtliche Wirkung einer Persönlichkeit einsetzt, während dieunterhalb dieser Bedeutsamkeitsschwelle verbleibenden nicht eine ent-sprechend geringere, sondern nun überhaupt keine Wirkung ausübenund völlig verschallen. Noch höher hinauf vielleicht liegt die Schwelledes philosophischen Bewulstseins. Dieselben Erscheinungen, die inminimer Quantität zu den verfliefsenden Gleichgültigkeiten des Tagesgehören, in etwas höherer vielleicht ästhetische Aufmerksamkeit aufsich ziehen, können in gewaltigen und erregenden Dimensionen zuGegenständen philosophischer oder religiöser Reflexion werden. Ähnlichhat auch das Gefühl des Tragischen eine Quantitätsschwelle. VielerleiWidersprüche, Unzulänglichkeiten, Enttäuschungen, die als Einzelheitentäglichen Lebens gleichgültig sind oder gar einen humoristischen Zughaben, gewinnen ein tragisches und tief beängstigendes Wesen, sobaldwir ihre ungeheure Verbreitung, die Unvermeidlichkeit ihrer Wieder-holung, die Färbung nicht nur dieses, sondern jedes Tages durch sieuns zum Bewufstsein bringen. Auf dem Gebiete des Rechts wird dieTatsache der Schwelle durch das Prinzip: minima non curat praetormarkiert. Der Diebstahl einer Stecknadel ist etwas quantitativ zu gering-fügiges so entschieden er qualitativ und für das logische Bewufstseineben doch Diebstahl ist, um den komplizierten psychologischenMechanismus des Rechtsbewufstseins in Bewegung zu setzen: auch dieseshat also eine Schwelle, so dafs unterhalb derselben verbleibende Reizungen,obgleich sie andere Bewufstseinsprovinzen sehr wohl erregen mögen,keinerlei psychisch-juridische Reaktion ganz abgesehen von der staat-lichen wecken. Aus der Tatsache, dafs auch das ökonomische Be-wufstsein mit einer spezifischen Schwelle ausgestattet ist, erklärt sichdie allgemeine Neigung, statt einer einmaligen gröfseren Aufwendunglieber eine fortlaufende Reihe kleinerer zu machen, deren einzelne man»nicht merkt«. Wenn daher schon Pufendorf dem Fürsten vorschlägt,