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weiter die Empfindung, die ein neuer Reiz fordert, von der VorgefundenenVerfassung des Empfindens abweicht, als desto stärker und merklicherwird sie zum Bewufstsein kommen. Dies kreuzt sich nun, wie erwähnt,mit der Tatsache, dafs der Reiz oft erst eine, seiner Richtung entgegen-stehende Stimmung unserer physisch-psychischen Organe zu überwindenhat, ehe er sich für unser Bewufstsein geltend machen kann. Dennwährend gemäfs jener Unterschiedsempfindlichkeit der Reiz um so merk-licher ist, je weiter er von dem vorhergehenden Zustand absteht, so ister nach dem andern Prinzip — bis zu einer gewissen Grenze — um sounmerklicher, je differenter seine Richtung von der der bestehendeninneren Bewegungen ist. Das hängt mit der Beobachtung zusammen,dafs Empfindungen bei gleichbleibendem Reize eine gewisse, wenn auchsehr kurze Zeit brauchen, ehe sie auf ihre Höhe gelangen. Währenddie erstere Erscheinungsreihe auf die Tatsache der Ermüdung zurück-geht — der Nerv antwortet auf den zweiten gleichartigen Reiz ebennicht mehr mit gleicher Energie, weil er durch den ersten ermüdet ist —zeigt die letztere, dafs sich die Ermüdung keineswegs unmittelbar andie Reizreaktion anschliefst, sondern dafs zunächst diese Reaktion sichbei unverändertem Reize wie aus sich selber akkumuliert — vielleichtaus dem angeführten Grunde, dafs erst ein Widerstand der perzipierendenOrgane überwunden werden mufs, ehe der Reiz die Höhe erreicht, von derer freilich durch die nun eintretende Ermüdung wieder herabsinkt. DieserDualismus der Wirkungen tritt auch an den komplizierten Erscheinungensehr deutlich hervor. Eine Veranlassung zu Freude z. B., in das Lebeneines im ganzen unglücklichen Individuums eintretend, wird von demselbenmit einer leidenschaftlichen Reaktion, unverbrauchten eudämonistischenEnergien, stärkstem Sichabheben gegen den dunklen Hintergrund seinersonstigen Existenz empfunden werden; andrerseits aber bemerken wir,dafs auch zur Freude eine gewisse Gewöhnung gehört, dafs der Glücks-reiz garnicht recht aufgenommen wird, wenn die Seele sich schon anfortwährend entgegengesetzte Erfahrungen angepafst hat. Insbesonderefeinere Lebensreize prallen zunächst wirkungslos von einem inneren,durch Not und Leid bestimmten Lebensrhythmus ab und die Stärke ihresEmpfundenwerdens, die- gerade der Gegensatz zu jenem voraussetzen liefs,stellt sich erst nach längerer Summierung der eudämonistischen Momenteein. Wenn diese nun andauert und die gesamte Verfassung der Seeleschliefslich in die ihr entsprechende Rhythmik oder Struktur übergeführthat, so wird das Reizquantum, zu dessen voller Perzeption es damals;nicht kam, derselben auch jetzt, und zwar aus der gerade entgegen-gesetzten Konstellation heraus, entbehren: weil jetzt eine derartige eu-