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diese Genüsse häufiger und ausgedehnter zu suchen; wird es nun abersehr erheblich höher, so steigen die Ansprüche an den Genufs in einegenerell andere Sphäre. Wo z. B. die Schnapsflasche die Hauptfreudebildet, werden erhöhte Löhne zu gesteigertem Schnapsverbrauch führen;werden sie aber noch weiter und bedeutend erhöht, so wird sich dasBedürfnis nach ganz anderen Kategorien von Genüssen einstellen. Endlichkommt es hier zu einer aller Analyse spottenden Komplikation durch denUmstand, dafs die Bewufstseinsschwellen für die verschiedenen Lust- undSchmerzgefühle offenbar ganz verschieden hoch liegen. Auf physio-logischem Gebiet zunächst haben neuere Untersuchungen den immensenUnterschied der Schmerzempfindlichkeit ergeben, der zwischen den Nervenverschiedener Körperteile besteht und für einige das Sechshundertfachedes Schwellenwertes anderer aufweist, und zwar charakteristischerweiseso, dafs der Schwellenwert für die Druck empfindlichkeit eben derselbenStellen gar kein konstantes Verhältnis zu jenem besitzt. Nun ist esallerdings äufserst mifslich, die Schwellenwerte für verschiedenartigehöhere und nicht-sinnliche Gefühle zu vergleichen, weil ihre veranlassendenMomente ganz heterogen und nicht so nach ihren Quanten zu vergleichensind wie mechanische oder elektrische Reize der Sinnesnerven. Trotzdemhiermit jede Messung ausgeschlossen erscheint, wird man die ungleich-mäfsige Reizbarkeit auch der höheren Gefühlsprovinzen zugeben unddamit — da die bisher fraglichen Lebenssituationen immer eine Vielheitsolcher betreffen — die ungeheuere und für die Theorie undurchdringlicheMannigfaltigkeit der Verhältnisse zwischen äufseren Bedingungen undinnerer Gefühlsfolge.
Gerade die durch den Geldbesitz bestimmten Gefühlsschicksale mögenallein einen annähernden Einblick in diese Schwellenwerte und Proportio-nalitäten gestatten. Denn das Geld wirkt als Reiz auf alle möglichenGefühle und kann dies, weil sein qualitätloser, unspezifischer Charakteres von jedem in eine so grofse Entfernung stellt, dafs es zu allen eineArt gleichmäfsigen Verhältnisses gewinnt; freilich wird dies Verhältnisnur selten ein unmittelbares sein, sondern vermittelnder Objekte bedürfen,die nach einer Seite hin unspezifisch sind — insoweit sie nämlich fürGeld zu haben sind —, nach der andern Seite hin aber spezifisch, indemsie bestimmte Gefühle auslösen. Dadurch, dafs wir am Geld die Genufs-werte der damit beschaffbaren spezifischen Objekte vorempfinden, dafsder Reiz derselben auf das Geld übertragen und von ihm vertretenwird — haben wir am Geld den einzigen Gegenstand, in bezug auf dendie Schwellenwerte der einzelnen Genufsempfindlichkeiten eine Art vonVergleichbarkeit erhalten. Der Grund, der hier dennoch ein gegenseitiges