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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Messen auszuschliefsen scheint, liegt auf der Hand: die aulserordentlicheVerschiedenheit in den Geldwerten derjenigen Dinge, die auf den ver-schiedenen Gebieten das als gleich beurteilte Genufsquantum erzeugen.Wenn die Genufsschwelle in der aufsteigenden Geldreihe für einen Gour-mand, einen Büchersammler, einen Sportsinan ganz verschiedene Höhenzeigt, so liegt dies nicht daran, dafs die hierbei ins Spiel kommendenGenufsenergien verschieden reizbar wären, sondern dafs die Gegenstände,die sie in gleichem Mafse reizen, sehr verschieden teure sind. Dennochwäre es denkbar, dafs die Zufälligkeit der Schwellenwerte zwischenGeldquanten und eudämonistischen Erfolgen einer Ausgleichung zustrebte,mindestens in dem Sinn, dafs es für die Individuen (oder auch für dieTypen) charakteristisch wird, welchen Geldwert die erkaufbaren Objekteoder Eindrücke besitzen, die für sie die Genufsschwelle überschreiten.Diese Entwicklung wird durch die Tatsache eingeleitet, dafs, zunächstfür unsere gefühlsmäfsige Taxierung, Angemessenheit oder Unangemessen-heit des Preises eines Objekts sich nicht nur an dem anderweitig ge-forderten Preise des gleichen ergibt, sondern auch an den ganz andernabsoluten Preisen von qualitativ ganz andern Warengattungen; die Aus-gleichung hiervon bedeutet das Aufwachsen eines gleichmäfsigen Geld-preisstandards, der sicher erst das Endergebnis sehr vieler subjektiverund zufälliger Schwankungen ist. Soweit wir z. B. die ökonomischenVerhältnisse der früheren palästinischen Juden kennen, frappieren siedurch aufserordentliche Billigkeit gewisser Artikel und enorme Preise fürandere. Das Verhältnis zu den jetzigen Preisen ist ein so schwankendes,nicht auf einen rationalen Ausdruck zu bringendes, dafs man nicht sagenkann (und vielleicht von keiner Periode des Altertums), der allgemeineGeldwert sei um so und so viel anders als der jetzige gewesen. Dennes hat einen solchen damals überhaupt nicht gegeben. Diese Erscheinungwill man durch die ökonomische Kluft zwischen Reichen und Armenerklären, die durch keine Ambitionen der letzteren in Bezug auf Lebens-haltung verringert wurde: die unteren Stände seien eben von einer sehrgrofsen und stabilen Genügsamkeit gewesen, so dafs gewisse Warenvon ihnen prinzipiell nicht begehrt wurden; es hätten sich also zweiganz verschiedene Geldpreisstandards herausgebildet: für das, was dieArmen bezahlen konnten und wollten, und das, was die Domäne derReichen war, denen es auf das Geld nicht ankam; das sei vielleicht beiallen älteren Völkern mehr oder weniger der Fall gewesen. Im An-schlufs daran wird nun betont, dafs gemäfs den sozialen Anschauungender neueren Zeit die mittleren Stände es in Bezug auf Kleidung, Nahrung,Bequemlichkeiten, Vergnügungen den höheren gleichtun wollen und die