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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Schwellenbedeutung der Geldquanten das Geld in aulserordentlichhohen Summen eine besondere, der leeren Quantitätshaftigkeit sich ent-hebende, gleichsam individuellere Gestalt gewinnt. So nimmt, auch schonrein äufserlich, seine Formlosigkeit mit steigender Masse relativ ab: diekleinen Stücke des frühesten italischen Kupfergeldes blieben ungeformtoder erhielten höchstens eine rohe runde oder kubische Gestalt; dagegendie gröfsten wurden durchgängig in viereckige Barrenform gegossen undgewöhnlich auf beiden Seiten mit einer Marke versehen. In der prin-zipiellen Formlosigkeit eben des Geldes als Geldes schlechthin aberwurzelt die Feindseligkeit zwischen der ästhetischen Tendenz und denGeldinteressen. Jene geht so sehr auf die blofse Form, dafs man be-kanntlich den eigentlich ästhetischen Wert z. B. aller bildenden Künstein die Zeichnung gesetzt hat, die als reine Form sich in jedem beliebigenstofflichen Quantum unverändert ausdrücken könne. Das ist nun zwarals Irrtum zugegeben, ja, noch viel weitergehend, als es bisher anerkanntist, wird man sagen müssen, dafs die absolute Gröfse, in der eine Kunst-form sich darstellt, ihre ästhetische Bedeutung aufs erheblichste be-einflusse , und dafs diese letztere durch jede kleinste Änderung derquantitativen Mafse, bei absoluter Formgleichheit, sogleich modifiziertwerde. Aber darum bleibt doch der ästhetische Wert der Dinge nichtweniger auf ihrer Form, d. h. auf dem Verhältnis ihrer Elemente zueinander, haften, wenngleich wir jetzt wissen, dafs der Charakter unddie Wirkung dieser Form durch das Quantum, an dem sie 'wirklich wird,sehr wesentlich mitbestimmt wird. Es ist vielleicht bezeichnend, dafszwar aufserordentlich viele Sprichwörter, aber von den unzähligen Volks-liedern nur wenige sich mit dem Gelde, trotz seiner lebenbeherrschendenBedeutung, zu befassen scheinen undd als selbst, wo um einer Münz-veränderung willen ein Aufstand ausbrach, die bei dieser Gelegenheitentstehenden und im Volke verbreiteten Lieder die Münzsache selbstmeistens beiseite lassen. Es bleibt immer der unversöhnliche und füralle ästhetischen Interessen entscheidende Antagonismus der Betonung:ob man die Dinge nach dem Wert ihrer Form oder nach dem Wievielihres Wertes fragt, sobald dieser Wert ein blofs quantitativer, alleQualität durch eine blofse Summe gleichartiger Einheiten ersetzender ist.

Man kann sogar direkt sagen, dafs, je mehr der Wert eines Dingesin seiner Form beruht, sein Wieviel um so gleichgültiger wird. Wenndie gröfsten Kunstwerke, die wir besitzen, etwa der delphische Wagen-lenker und der Praxitelische Hermes, der Frühling von Botticelli unddie Mona Lisa , die Mediceergräber und Rembrandts Altersporträts intausend völlig ununterscheidbaren Exemplaren existierten, so wäre das