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zwar für das Glück der Menschheit ein grofser Unterschied, aber derideale, objektiv ästhetische, oder wenn man will: kunstgeschichtlicheWert wäre dadurch absolut nicht über denjenigen Grad hinaus gesteigert,den das eine, jetzt vorhandene Exemplar darstellt. Anders ist es schonmit kunstgewerblichen Gegenständen, bei denen die ästhetische Formeine völlige Einheit mit dem praktischen Gebrauchszweck bildet, so dafsoft sogar die vollendetste Herausarbeitung dieses letzteren als der eigent-liche ästhetische Reiz wirkt. Hier ist es für den ganzen so geschaffenenWert wesentlich, dafs der Gegenstand auch gebraucht werde, und des-halb wächst seine ideale Bedeutung mit seiner Verbreitung: in demMafse, in dem das Objekt aufser seiner Form noch anderen Wert-elementen Raum gibt, wird auch das Wievielmal seiner Verwirklichung-wichtig. Das ist auch der tiefste Zusammenhang zwischen der ethischenWerttheorie Nietzsches und der ästhetischen Stimmung seines Wesens:der Rang einer Gesellschaft bestimmt sich ihm nach der überhaupt inihr erreichten Höhe der Werte, wie einsam sie auch sei, nicht aber nachdem Verbreitungsmafs von schätzbaren Qualitäten — wie der Rangeiner Kunstepoche nicht von der Höhe und dem Quantum guter Durch-schnittsleistungen, sondern nur von der Höhe der höchsten Leistungenabhängt. So neigt der Utilitarier, dem es allein auf die ganz greifbarenErgebnisse des Handelns ankommt, zum Sozialismus, mit seiner Betonungder Vielen und der Verbreitung erwünschter Lebensmomente, währendder idealistische Ethiker, dem die — mehr oder weniger ästhetisch aus-drückbare — Form des Tuns am Herzen liegt, eher Individualist istoder wenigstens, wie Kant, die Autonomie des Einzelnen vor allembetont. So ist es doch auch auf dem Gebiet des subjektiven Glückes.Von den äufsersten Aufgipfelungen des Lebensgefühles, die gleichsamfür das Ich seine vollste Ausprägung in dem Stoff des Daseins bedeuten,empfinden wir oft, dafs sie sich gamicht zu wiederholen brauchen. Dieseinmal genossen zu haben, gibt dem Leben einen Wert, der durch dasNoch-Einmal ebendesselben durchaus nicht verhältnismäfsig gesteigertwird. Gerade solche Augenblicke, in denen das Leben ganz individuelleZuspitzung geworden ist und den Widerstand der Materie — im weitestenSinne — seinem Fühlen und Wollen völlig unterworfen hat, bringeneine Atmosphäre mit sich, die man als Seitensttick der Zeitlosigkeit, derspecies aeternitatis bezeichnen könnte: eine Erhebung über die Zahl, wiedort über die Zeit. Und wie ein Naturgesetz seine Bedeutung fürCharakter und Zusammenhang der Welt nicht von der Zahl seiner Ver-wirklichungsfälle entlehnt, sondern von der Tatsache, dafs es überhauptda ist, dafs es, und kein anderes, gilt — so-haben die Momente der