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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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historisch - psychologischen Gebiete der vollendetste Repräsentant einerErkenntnistendenz der modernen Wissenschaft überhaupt: der Reduktionqualitativei Bestimmungen auf quantitative. Hier denkt man zunächstan die Schwebungen indifferenter Medien, die als die objektive Ver-anlassung unserer Farben- und Tonempfindungen gelten. Rein quantitativeUnterschiede der Oszillationen entscheiden darüber, ob wir so qualitativUnterschiedenes wie grün oder violett sehen, oder wie das Contra-A oderdas fünfgestrichene C hören. Innerhalb der objektiven Wirklichkeit, vonder nur Fragmente, zufällig und zusammenhangslos, in unser Bewufstseinhineinwirken, ist alles nach Mafs und Zahl geordnet, und den qualitativenVerschiedenheiten unserer subjektiven Reaktionen entsprechen quantitativeihrer sachlichen Gegenbilder. Vielleicht sind all die unendlichen Ver-schiedenheiten der Körper, die in ihren chemischen Beziehungen hervor-treten, nur verschiedene Schwingungen eines und desselben Grundstoffes.Soweit die mathematische Naturwissenschaft dringt, hat sie das Bestreben,unter Voraussetzung gewisser gegebener Stoffe, Konstellationen, Be-wegungsursachen die Strukturen und Entwicklungen durch blofse Mafs-formeln auszudrücken. In anderer Form und Anwendung ist dieselbeGrundtendenz in all den Fällen wirksam, wo man frühere Annahmeneigenartiger Kräfte und Bildungen auf die Massenwirkung auch sonstbekannter, unspezifischer Elemente zurückgeführt hat: so in bezug aufdie Bildung der Erdoberfläche, deren Gestalt man statt aus plötzlichenund unvergleichbaren Katastrophen jetzt vielmehr aus den langsam sum-mierten, unmerklich kleinen, aber in unermefslicher Vielheit sich äufsern-den Wirkungen herleitet, die die fortw T ährend beobachtbaren Kräfte desWassers, der Luft, der Pflanzendecke, der Wärme und Kälte ausüben.Innerhalb der historischen Wissenschaften ist dieselbe Gesinnung be-merkbar : Sprache, Künste, Institutionen, Kulturgüter jeder Art erscheinenals das Resultat unzähliger minimaler Beiträge, das Wunder ihres Ent-stehens wird nicht durch die Qualität heroischer Einzelpersönlichkeiten,sondern durch die Quantität der zusammengeströmten und verdichtetenAktivitäten der ganzen historischen Gruppe erklärt; als die Objekte derGeschichtsforschung erscheinen mehr die kleinen, alltäglichen Vorgängedes geistigen, kulturellen, politischen Lebens, die durch ihre Summierungdas historische Dasein in seiner Breite und seinen Entwicklungen schaffen,als die spezifischindividuellen Taten der Führer; und wo eine Prominenzund qualitative Unvergleichlichkeit Einzelner dennoch vorliegt, da wird sieals eine besonders glückliche .Vererbung gedeutet, d. h. als eine solche,die ein möglichst grofses Quantum angehäufter Energien und Errungen-schaften der Gattung einschliefst und ausdrückt. Ja selbst innerhalb

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