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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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einer ganz individualistischen Ethik wird diese ebenso zur Weltanschauunggesteigerte wie in die Innerlichkeit des Gemütes hinabsteigende demo-kratische Tendenz mächtig; denn es begegnet die Behauptung, dals diehöchsten Werte in dem alltäglichen Dasein und jedem seiner Momente,,aber nicht in dem Heroischen, Katastrophenhaften, den hinausragendenTaten und Erlebnissen liegen, als welche immer etwas Zufälliges undAufserliches hätten ; mögen wir alle grofsen Leidenschaften und un-erhörten Aufschwünge durchkosten ihr Ertrag sei doch nur, was siefür die stillen, namenlosen, gleichmäfsigen Stunden zurücklassen, in denenallein das wirkliche und ganze Ich lebt. Endlich, die empiristischeNeigung, die, trotz aller entgegengesetzten Erscheinungen und aller be-rechtigten Kritik, dennoch das Ganze der modernen Zeit am durch-gehendsten charakterisiert und hier ihre innerste Form- und Gesinnungs-verbindung mit der modernen'Demokratie offenbart, setzt die möglichsthohe Zahl von Beobachtungen an die Stelle der einzelnen, divinatorischenoder rationalen Idee, sie ersetzt das qualitative Wesen dieser durch dieQuantität der zusammengebrachten Einzelfälle; und dieser methodischenAbsicht entspricht ganz der psychologische Sensualismus, der die sublim-sten und abstraktesten Gebilde und Fähigkeiten unserer Vernunft füreine blofse Häufung und Steigerung der alltäglichsten sinnlichen Elementeerklärt. Die Beispiele liefsen sich leicht vermehren, die das wachsendeÜbergewicht der Kategorie der Quantität über die der Qualität zeigen,oder genauer: die Tendenz, diese in jene aufzulösen, die Elemente immermehr ins Eigenschaftslose zu rücken, ihnen selbst etwa nur noch be-stimmte Bewegungsformen zu lassen und alles Spezifische, Individuelle,qualitativ Bestimmte als das Mehr oder Weniger, das Gröfser oderKleiner, das Weiter oder Enger, das Häufiger oder Seltener jener ansich farblosen, eigentlich nur noch der numerischen Bestimmtheit zu-gängigen Elemente und Bewufstheiten zu erklären mag diese Tendenzauch mit irdischen Mitteln ihr Ziel nie absolut erreichen können. DasInteresse an dem Wieviel, so sehr es einen angebbaren realen Sinn nurin der Verbindung mit dem Was und Wie besitzt und für sich allein nureine Abstraktion darstellt, gehört zu den Grundlagen unseres geistigenWesens, es ist der Einschlag in den Zettel der Qualitätsinteressen; wennalso auch beide zusammen erst ein Gewebe ergeben und deshalb dieausschliefsliche Betonung des einen logisch nicht zu rechtfertigen ist, soist sie doch psychologisch eine der grofsen Differenzierungen der Perio-den, der Individuen, der Seelenprovinzen. Was Nietzsche von allensozialistischen Wertungen scheidet, kann sich nicht schärfer als darinzeichnen, dafs ihm ausschliefslich die Qualität der Menschheit eine