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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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räumte. Die nächste Stufe ist, dafs er dieses Recht das er jederzeitnoch versagen kann gegen Zahlung einer Geldsumme gibt; die dritte,dafs sein Einspruchsrecht überhaupt fortfällt, dafs der Untertan vielmehrfrei ist, sich zu verheiraten, sobald er dem Herrn eine festgesetzteSumme: Brautgeld, Ehegeld, Frauengeld oder ähnliches, zahlt. Die Be-freiung der Persönlichkeit wird also auf der zweiten Stufe zwar schon aufGeld gestellt, aber doch nicht ausschliefslich, indem immerhin noch dieEinwilligung des Grundherrn gewonnen werden mufste, die man nicht er-zwingen konnte. Das Verhältnis wird erst vollständig entpersonalisiert,wenn gar kein anderes Moment als das der Geldzahlung darüber ent-scheidet. Höher kann die persönliche Freiheit vor dem Wegfall jedesbezüglichen Rechtes des Grundherrn nicht steigen, als wenn die Ver-pflichtung des Untertanen in eine Geldabgabe verwandelt ist, die derGrundherr annehmen mufs. Deshalb hat denn auch vielfach die Ver-ringerung und die schliefslich völlige Ablösung der bäuerlichen Diensteund Lieferungen ihren Weg über ihre Umwandlung in Geldbezüge ge-nommen. Dieser Zusammenhang zwischen Geldleistung und Befreiungkann unter Umständen von dem Berechtigten als so wirksam vorgestelltwerden, dafs er selbst das lebhafteste Interesse an barem Gelde übertönt.Die Umwandlung der bäuerlichen Frohnden und Naturallieferungen inGeldzinse hatte in Deutschland seit dem 12. Jahrhundert begonnen; undgerade dadurch wurde sie unterbrochen, dafs der Kapitalismus im 14. und15. Jahrhundert auch die Grundherren ansteckte. Denn sie erkannten,dafs die naturalen Leistungen aufserordentlich viel dehnbarer und will-kürlich vermehrbarer waren als die Geldzinsungen, an deren quantitative,zahlenmäfsige Bestimmtheit nicht mehr zu rühren war. Dieser Vorteilder Naturalleistungen erschien ihnen grofs genug, um ihre Habgier geradein dem Augenblick daran festhalten zu lassen, in dem im übrigen dieGeldinteressen bei ihnen herrschend wurden. Es ist eben dieser Grund,aus dem man überhaupt den Bauer nicht will zu Gelde kommen lassen.Der englische Hintersasse durfte ganz allgemein kein Stück Vieh ohnebesondere Erlaubnis seines Lords verkaufen. Denn durch den Viehverkaufbekam er Geld in die Hand, mit dem er anderswo Land erwerbenund sich den Verpflichtungen gegen seinen bisherigen Herrn entziehenkonnte. Der äufserste Grad des Befreiungsprozesses wird durch eineEntwicklung innerhalb' der Geldabgabe selbst erreicht: indem statt desperiodischen Zinses eine einmalige Kapitalzahlung erfolgt. Wenngleichder objektive Wert in beiden Formen der identische sein mag, so istdoch der Reflex auf das Subjekt ein ganz verschiedener. Die einzelneZinszahlung läfst zwar, wie hervorgehoben, dem Pflichtigen völlige Frei-