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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Ausdehnung. Es ist der erste Schritt zur Sachlichkeit und Unpersön-lichkeit dieser Verpflichtung, wenn dieselbe streng umgrenzt wird-, sofinden wir schon früh genau vorgeschrieben, wieviele Ritter und Knechtebeherbergt werden müssen, wieviele Pferde und Hunde mitgebrachtwerden dürfen, wieviel Brot, Wein, Fleisch, Schüsseln, Tischtücher usw.zu liefern sind. Immerhin, sobald unmittelbar Beherbergung und Atzungstattfand, mufsten einerseits die Grenzen der Leistungen leicht insSchwanken geraten, andrerseits trugen sie entschieden den Charakter derpersönlichen Beziehung. Demgegenüber ist es die entwickeltere Stufe,wenn wir hören, dafs blofse Lieferungen von Naturalien ohne Beher-bergung stattfanden-, dabei konnten die Abmessungen des Quantums vielgenauer sein, als wenn die Personen beherbergt und satt gemacht werdensollten. So heilst es, der Graf von Rieseck sollte eine bestimmte Ab-gabe Korn erhalten: »Davon sul man syme gesinde brot backen, waner in dem Dorf zu Crotzenburg ist, off daz er die arme lüde indem dorff nit furter besweren oder schedigen solle.« DieseEntwicklung führt weiter dahin, dafs feste Geldleistungen gelegentlichder Anwesenheit der hohen Herren bei ihren Reisen und Gerichtssitzungenstipuliert werden. Und endlich wird auch das hierin noch liegendevariable und personale Moment beseitigt, indem diese Leistungen inständige Abgaben übergeführt werden, die als Atzgeld, Herrentag-geld, Reisigvogtgeld, auch dann erhoben wurden, als die alten Amtsreisender Richter usw. durch ganz andere Organisationen ersetzt wurden. Daswar der Weg, auf dem die Leistungen solcher Art schliefslich ganz fort-fielen und in der allgemeinen Steuerleistung der Untertanen aufgingen,der sozusagen jede spezifische Formung fehlt und die deshalb das Korrelatder persönlichen Freiheit der Neuzeit ist.

In solchen Fällen von Ablösung der naturalen Leistungen durchGeldzahlungen pflegt der Vorteil auf beiden Seiten zu sein. Dies isteine sehr merkwürdige und zur Einstellung in gröfsere Zusammenhängeauffordernde Tatsache. Wenn man von der Vorstellung ausgeht, dafsdas zum Genufs verfügbare Güterquantum ein begrenztes ist; dafs esden vorhandenen Ansprüchen nicht genügt; dafs endlich »die Welt weg-gegeben ist«, das heilst, dafs im allgemeinen jedes Gut seinen Besitzerhat so folgt daraus, dafs, was dem Einen gegeben wird, dem Anderengenommen werden mufs. Zieht man hier nun alle die Fälle ab, indenen dies ersichtlich nicht gilt, so bleiben doch immer noch unzähligviele, in denen die Bedürfnisbefriedigung des Einen nur auf Kosten desAnderen erfolgen kann. Wollte man dies als das oder ein Charakte-ristikum oder Fundament unseres Wirtschaftens ansehen, so würde es