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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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sich in alle jene Weltanschauungen einordnen, die überhaupt das Quantumder der Menschheit beschiedenen Werte der Sittlichkeit, des Glückes,der Erkenntnis für ein seiner oder ihrer Natur nach unveränderlicheshalten, so dafs nur die Formen und die Träger desselben wechselnkönnen. Schopenhauer neigt sich der Annahme zu, dafs jedem Menschensein Mafs von Leiden und Freuden von vornherein durch seine Wesens-art bestimmt ist; es könne weder überfüllt werden noch leer bleiben,und alle äufseren Umstände, auf die wir unser Befinden zu schiebenpflegen, stellten nur einen Unterschied in der Form, jenes unveränder-liche Lust- und Leid-Quantum zu empfinden, dar. Erweitert man dieseindividualistische Vorstellung auf die menschliche Gesamtheit, so erscheintall unser Glücksstreben, die Entwicklung aller Verhältnisse, aller Kampfum Haben und Sein als ein blofses Hin- und Herschieben von Werten,deren Gesamtsumme dadurch nicht verändert werden kann, so dafs allerWechsel in der Verteilung nur die fundamentale Erscheinung bedeutet,dafs der Eine jetzt besitzt, was der Andere freiwillig oder nichtweggegeben hat. Diese Erhaltung der Werte entspricht ersichtlich einerpessimistisch - quietistischen Weltansicht; denn je weniger man uns im-stande glaubt, wirklich neue Werte hervorzubringen, um so wichtigerist es, dafs auch keiner wirklich verloren gehe. In paradoxer Konsequenzlehrt das die in Indien verbreitete Vorstellung, dafs, wenn man einenheiligen Asketen zu Falle bringe, sein Verdienst auf den Versucherübergehe!

Aber auch direkt gegenteilige Erscheinungen sind zu beachten.Mit allen jenen Gemütsverhältnissen, deren Glück nicht nur in demGewinnen, sondern ebenso in dem eigenen Sichhingeben liegt, und wojeder wechselseitig und gleichmäfsig durch den anderen bereichert wird,erwächst ein Wert, dessen Genufs nicht durch die Entbehrung einerGegenpartei erkauft wird. Ebensowenig bedeutet die Mitteilung in-tellektueller Güter, dafs dem Einen genommen werden muls, was derAndere geniefsen soll; wenigstens kann nur eine an das Pathologischestreifende Empfindungssubtilität sich wirklich beraubt fühlen, wennirgend ein objektiver geistiger Inhalt nicht mehr subjektiv-ausschliefslichesEigentum ist, sondern von anderen nachgedacht wird. Im ganzen kannman vom geistigen Besitz, wenigstens soweit er sich nicht in ökono-mischen fortsetzt', sagen, dafs er nicht auf Kosten eines anderen ge-wonnen wird, weil er nicht aus einem Vorrat genommen ist, sondernselbst bei aller Gegebenheit seines Inhaltes doch schlielslich aus demeigenen Bewufstsein des Erwerbers erzeugt werden muls. Diese Ver-söhnung der Interessen, die hier aus der Natur des Objektes hervorgeht,