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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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gilt es nun offenbar auch auf denjenigen ökonomischen Gebieten herzu-stellen, wo die Konkurrenz um die Befriedigung des einzelnen Bedürfnissesjeden nur auf Kosten eines anderen bereichert. Es gibt zwei Typenvon Mitteln, um diesen Zustand in jenen vollkommneren überzuführen:das nächstliegende ist die Ablenkung des Kampfes gegen den Mit-menschen in den Kampf gegen die Natur. In dem Mafse, in dem manweitere Substanzen und Kräfte aus dem noch unokkupierten Vorrat derNatur in die menschlichen Nutzniefsungen hineinzieht, werden die bereitsokkupierten von der Konkurrenz um sie entlastet. Die Sätze von derErhaltung des Stoffes und der Energie gelten glücklicherweise nur fürdas absolute Ganze der Natur, nicht aber für denjenigen Ausschnitt der-selben, den das menschliche Zweckhandeln für sich designiert; diesrelative Ganze ist allerdings ins unbestimmte vermehrbar, indem wirimmer mehr Stoffe und Kräfte in die für uns zweckmäfsige Form bringen,gleichsam annektieren können. Selbst aus demjenigen, was seinem Um-fange nach bereits okkupiert ist, lehrt uns fortschreitende Technik immerweitere Nutzungen gewinnen: der Übergang von der extensiven zurintensiven Wirtschaft vollzieht sich keineswegs nur auf dem Gebiete derBodenkultur, sondern an jeder Substanz, die in immer feinere Teile zuimmer spezielleren Nutzungen zerlegt, oder deren latente Kräfte immervollständiger entbunden werden. Die so nach verschiedenen Dimensionengehende Ausdehnung des menschlichen Machtgebietes, die es zur Un-wahrheit macht, dafs die Welt weggegeben ist, und die die Bedürfnis-befriedigung nicht erst an [einen Raub irgend welcher Art knüpftkönnte man den substanziellen Fortschritt der Kultur nennen. Nebendiesem steht nun, zweitens, was man als den funktionellen Fortschrittbezeichnen dürfte. Bei diesem handelt es sich darum, für den Besitz-wechsel bestimmter gegebener Objekte die Formen zu finden, welchedenselben für beide Parteien vorteilhaft machen: zu einer solchen Formkann es ursprünglich nur dann gekommen sein, wenn der erste Besitzerdie physische Macht besafs, den von Anderen begehrten Gegenstandfestzuhalten, bis ihm ein entsprechender Gegenvorteil geboten wurde;denn anderenfalls würde ihm der Gegenstand einfach weggenommenwerden. Der Raub, vielleicht das Geschenk erscheint als die primitivsteStufe des Besitz Wechsels, auf der also der Vorteil noch ganz auf dereinen, die Last ganz auf der anderen Seite ruht. Wenn sich über diesernun die Stufe des Tausches als Form des Besitzwechsels erhebt, zunächst,wie gesagt, als blofse Folge der gleichen Macht der Parteien, so ist dieseiner der ungeheuersten Fortschritte, die die Menschheit überhauptmachen konnte. Angesichts der blofsen Gradunterschiede, die nach soSimmel , Philosophie des Geldes. 2. Aufl. 20