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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
Seite
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vielen Seiten hin zwischen den Menschen und den niederen Tieren be-stehen, hat man bekanntlich oft versucht, die spezifische Differenz fest-zustellen, die den Menschen unverkennbar und eindeutig von der übrigenTierreihe abscheidet: als das politische Tier, das werkzeugmachende Tier,das zwecksetzende Tier, das hierarchische Tier, ja seitens eines ernst-haften Philosophen als das_ vom Gröfsenwahn befallene Tier hat manihn definiert. Vielleicht kann man dieser Reihe hinzufügen, der Menschsei das tauschende Tier; und das ist freilich nur eine Seite oder Formder ganz allgemeinen Charakteristik, in der das Spezifische des Menschenzu bestehen scheint: der Mensch ist das objektive Tier. Nirgends inder Tierwelt finden wir auch nur Ansätze zu demjenigen, was manObjektivität nennt, der Betrachtung und Behandlung der Dinge, die sichjenseits des subjektiven Fühlens und Wollens stellt.

Ich habe schon angedeutet, wie dies die Menschheitstragödie der Kon-kurrenz mindert. Das ist die eigentliche Versittlichung durch den Kultur-prozefs, dafs immer mehr Lebensinhalte in transindividueller Gestalt objek-tiviert werden: Bücher, Kunst, ideale Gebilde wie Vaterland, allgemeineKultur, die Formung des Lebens in begrifflichen und ästhetischen Bildern,das Wissen von. tausenderlei Interessantem und Bedeutsamem allesdies kann genossen werden, ohne dafs einer es dem anderen wegnimmt.Je mehr die Werte in solche objektive Form übergehen, um so mehr Platzist in ihnen, wie in Gottes Hause, für jede Seele. Vielleicht wäre dieWüstheit und Erbitterung der modernen Konkurrenz überhaupt nichterträglich, wenn ihr nicht diese wachsende Objektivierung von Daseins-inhalten, in ihrer Unberührsamkeit von allem öte-toi que je my mette,zur Seite ginge. Es ist wohl von tieferer Bedeutung, dafs eben dasselbe, was den Menschen rein tatsächlich-psychologisch von der niederenTierreihe scheidet: die Fähigkeit der objektiven Betrachtung, des AbSehens vom Ich mit seinen Impulsen und Zuständen zugunsten der reinenSachlichkeit dafs eben dies dem geschichtlichen Prozefs zu seinemvielleicht edelsten, veredelndsten Ergebnis verhilft, zu dem Aufbau einerWelt, die ohne Streit und gegenseitige Verdrängung aneigenbar ist, zuWerten, deren Erwerb und Genufs seitens des einen den anderen nicht aus-schliefst, sondern tausendmal dem anderen den Weg zu dem gleichenöffnet. Der Lösung dieses Problems, die der Welt des Objektiven gleich-sam in substanzieller Form gelingt, nähert sich der Tausch in funktio-neller. Gegenüber dem einfachen Wegnehmen oder der Schenkung, indenen sich der rein subjektive Impuls auslebt, setzt der Tausch, wie wirfrüher sahen, eine objektive Abschätzung, Überlegung, gegenseitige An-erkennung, eine Reserve des unmittelbar subjektiven Begehrens voraus.