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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Bauern, Handwerker, Angestellten, Rentiers, Beamten haben fast inBezug auf keinen einzigen Punkt der Gesetzgebung parallele Interessen.Die Fragen der Zollpolitik, des Arbeiterschutzes, des Koalitionsrechtes,der Begünstigung von Grofs- oder Kleinhandel, der Gewerbeordnung, biszu denen des Unterstützungswohnsitzes und der Sonntagsheiligung werdeninnerhalb dieses Komplexes auf das entgegengesetzteste beantwortet werden.Ebenso liegen die Dinge zwischen Grofsindustrie und Grofsgrundbesitz,die ihrem Einkommen nach demselben Stande, ihren politischen Bedürf-nissen nach oft in völlig geteilte Lager gehören. So verlieren die Ver-schmelzungen zu je einem Stande!, nach dem formalen Kriterium desGeldeinkommens vollbracht, überhaupt an praktisch-politischer Bedeutung.Dadurch aber wird der Staat mehr auf Mafsregeln hingewiesen, die fürdie Gesamtheit und Mannigfaltigkeit^ der Interessen passend sind. DieseEntwicklung mag von unzähligen Gegenkräften abgelenkt und überdecktwerden im Prinzip hat die Verdrängung der Gruppierung nach Berufund Geburt durch die Jnach iEinkommensquanten zur jFolge, dafs diequantitativ nicht ausdrückbaren Interessenqualitäten die äulsere Bedeutungder Standeskomplexe zerstören und die Politik insoweit auf eine objektiveHöhe, jenseits jener Klassifizierungen überhaupt, hinweisen. Dies gehörtnun einer ganz typischen Korrelation an: zwischen der vollkommenstenObjektivität und der vollkommensten Berücksichtigung des Subjektivendie sich an der dargelegten Entwicklung der Steuer offenbart hatte.

Ich zeige nun weiter, wie das Geld die technische Möglichkeit fürdie Herstellung dieser Korrelation auch weiterhin in sozialen Grund-verhältnissen gewährt. Ich hatte mehrfach die mittelalterliche Theoriehervorgehoben, die jeder Ware einen gerechten, d. h. sachlich an-gemessenen, in der arithmetischen Gleichheit von Geldwert und Sachwertbestehenden Preis zusprach und denselben gegen Erhöhungen wie Herab-drückungen gesetzlich festzulegen suchte. Was dabei herauskam, mufstedoch im schlechten Sinne subjektiv sein: willkürliche, unzulängliche, diemomentane Konstellation zu Fesseln künftiger Bewegung festschmiedendeWertsetzungen. Statt durch so unmittelbare Gleichsetzung näherte mansich vielmehr der inhaltlich gerechten Angemessenheit der Preise erst,als man die Gesamtlage der Wirtschaft, die mannigfaltigen Kräfte vonAngebot und Nachfrage, die fluktuierende Produktivität der Menschenund der Dinge als Bestimmungsgründe der Preise anerkannte. Obgleichdies nun eine die Individuen bindende Festlegung der Preise ausschlofsund die Berechnung der immerfort wechselnden Situation den Einzelnenüberlassen mufste, so wurde doch hiermit die Preisgestaltung durch vielmehr tatsächlich wirksame Momente bestimmt und war seitdem eine