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es in der historischen Beziehung zwischen Haben und Sein das ent-schiedenste und entscheidendste, ich möchte sagen symptomatischste unterden Momenten dar, die den weltgeschichtlichen Wechsel zwischen Kon-traktion und Lockerung jener Beziehung veranlassen. —
Wenn also Freiheit den Sinn hat, Sein und Haben von einanderunabhängig zu machen, und wenn der Geldbesitz die Bestimmtheit deseinen durch das andere am entschiedensten lockert und durchbricht —so steht dem ein anderer und positiverer Begriff der Freiheit gegenüber,der das Sein und das Haben auf einer anderen Stufe wiederum engerverbindet, darum aber nicht weniger am Geld seine [energischste Ver-wirklichung findet. Ich knüpfe an die obige Bestimmung an, dafs derBesitz nicht, wie es oberflächlich scheint, ein passives Aufnehmen vonObjekten ist, sondern ein Tun an und mit ihnen. Nichts anderes kannder Besitz, auch der umfassendste und unbeschränkteste, mit den Dingentun, als den Willen des Ich an ihnen ausprägen: denn das eben heilsteine Sache besitzen, dafs sie meinem Willen keinen Widerstand ent-gegensetzt, dafs er sich ihr gegenüber durchsetzen kann: und wenn ichvon einem Menschen sage, dafs ich ihn »besitze«, so bedeutet dies, dafser meinem Willen nachgibt, dafs natürliche Harmonie oder suggestiveVergewaltigung mein Sein und Wollen sich gleichsam an ihm fortsetzenlassen. Wie mein Körper deshalb mein ist und in höherem Mafse»mein« als jedes andere Objekt, weil er unmittelbarer und vollständigerals jedes andere meinen psychischen Impulsen gehorcht, und diese sichrelativ vollständig in ihm ausdrücken: so ist jedes Ding in demselbenMafse mein, in dem dies von ihm gilt. Dafs man mit einer Sache»machen kann, was man will«, [das ist nicht erst eine Folge des Be-sitzens, sondern das eben heifst es, sie zu besitzen. So wird das Ich vonseinem gesamten »Besitz « wie von einem Bereich umgeben, in dem seineTendenzen und Charakterzüge sichtbare Wirklichkeit gewinnen, er bildeteine Erweiterung des Ich, das nur das Zentrum ist, von dem aus Fulgu-rationen in die Dinge hineingehen; und die Dinge sind eben mein, wennsie sich dem Recht und der Kraft meines Ich ergeben, sie nach seinemWillen zu gestalten. Diese enge Beziehung zum Ich, die den Besitzgleichsam als dessen Sphäre und Ausdruck erscheinen läfst, knüpft sichkeineswegs nur an ihn, soweit er dauert und behalten wird. Es stimmtvielmehr mit unserer Vorstellung vom Besitz als einer Summe vonAktionen durchaus überein, dafs gerade das Fortgeben von Werten,sei es im Tausch, sei es als Geschenk, eine gewisse Steigerung desPersönlichkeitsgefühls mit sich führen kann — den Reiz, der mit derSelbstentäufserung, Selbstopferung verbunden ist und der auf dem Um-