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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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wege über eine Verminderung eine Erhöhung des Selbst bedeutet. Oftempfindet man erst im Fortgeben den Besitz, ganz wie man ein Körper-element am energischsten im Moment der Exstirpation fühlt. Der Reizdes Habens spitzt sich im Augenblick des Fortgebens so stark zuschmerzlich oder geniefsend wie es ohne diesen Preis nie stattfindet.Dieser Augenblick ist genau wie der des Gewinnens ein eminent»fruchtbarer Moment«, das Können der Persönlichkeit, das der Besitzdarstellt, erscheint in dieser äufsersten Verfügung über ihn am fühlbarstenaufgegipfelt wie es mit einer gewissen Modifikation auch in derWollust des Zerstörens geschieht. Wenn deshalb von den arabischenBeduinen berichtet wird, dafs bei ihnen Betteln, Schenken und PlündernWechselbegriffe und notwendig zusammenhängende Handlungen sind, sobeweist dies, insbesondere in Anbetracht des stark individualistischenCharakters jener Stämme, wie alle diese verschiedenen Aktionen mitdem Besitz doch nur, mit verschiedenen Vorzeichen und nach ver-schiedenen Richtungen hin, einen und denselben Sinn und Grundwertaller Besitzobjekte aussprechen: dafs die Persönlichkeit sich in ihnenauslebt, ausprägt, ausbreitet. So ist das Entscheidende für das Ver-ständnis des Besitzes, dafs die scharfe Grenzsetzung' zwischen ihm unddem Ich, zwischen dem Inneren und dem Äufseren als eine ganz ober-flächliche erkannt und für eine tiefere Betrachtung verflüssigt werde.Einerseits liegt die ganze Bedeutung des Besitzes darin, gewisse Gefühleund Impulse in der Seele auszulösen, andrerseits erstreckt sich die Sphäredes Ich über diese »äufseren« Objekte und in sie hinein, wie sich in derBewegung des Violinbogens oder des Pinsels doch der Vorgang in derSeele des Geigers oder des Malers kontinuierlich fortsetzt. Wie jedesäufsere Objekt als Besitz sinnlos wäre, wenn es nicht zu einem psy-chischen Wert würde, so würde das Ich gleichsam ausdehnungslos ineinen Punkt zusammenfallen, wenn es nicht äufsere Objekte um sichherum hätte, die seine Tendenzen, Kraft und individuelle Art an sichausprägen lassen, weil sie ihm gehorchen, d. h. gehören. Es ist mirauch deshalb wahrscheinlich, dafs die Entwicklung des Privateigentumsnicht gerade die Arbeitsprodukte als solche am ehesten und intensiv-sten ergriffen habe, sondern die Arbeitswerkzeuge, einschliefslich derWaffen. Denn gerade die Werkzeuge funktionieren am unmittelbarstenals Verlängerungen der Körperglieder, erst an ihrem Endpunkt pflegtder Widerstand der Dinge gegen unsere Impulse empfunden zu werden;so ist das Aktivitätsmoment an ihrem Besitze gröfser als an ander-weitigem und sie werden deshalb nächst dem Körper am gründlichstenin das Ich einbezogen. Diese Deutung des Besitzes erst zeigt auf den