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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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Weg, auf dem die Weltanschauung des Idealismus und der Freiheit ihreErgänzung durch ihr Gegenbild findet: die Dinge müssen in das Ich,aber auch das Ich in die Dinge eingehen.

Man könnte sagen, das Erwerben von Besitz sei gleichsam einWachstum der Persönlichkeit über das Mals des Individuums hinauswie man die Zeugung als ein solches Wachstum bezeichnet hat. Indiesem wie in jenem Falle dehnt sich die individuelle Sphäre über dieGrenze hinaus, die sie ursprünglich bezeichnete, das Ich setzt sich jen-seits seines unmittelbaren Umfanges fort und erstreckt sich in ein Aufser-Sich, das dennoch im weiteren Sinne »sein« ist. Bei einigen malaiischenStämmen gehören dem Vater nur diejenigen Kinder, welche nach Be-zahlung des Brautpreises geboren werden, während die vorher aberzweifellos in derselben Ehe geborenen der Familie der Mutter ge-hören. Der Grund dieser Bestimmung ist natürlich der rein äufserliche:dafs die Kinder Wertgegenstände dar stellen, die man durch die Ver-heiratung der Tochter an den Mann fortgibt, an die man sich aber hält,bis der Preis für die Mutter selbst bezahlt ist. Dennoch offenbart siejene tief gelegene Beziehung zwischen dem Besitz und der Proliferation.Der Mann hat gleichsam die Wahl, ob er seine Machtsphäre durch denBesitz seiner Kinder oder durch Einbehalten der schuldigen Vermögens-stücke erweitern will. In den Veden heilst es über die frühestenbrahmanischen Mönche: »Sie lassen davon ab, nach Söhnen zu trachtenund nach Habe zu trachten. Denn was das Trachten nachSöhnen ist, das ist auch das Trachten nach Habe. Trachtenist das Eine wie das Andere.« Dies will freilich an sich noch nicht dieIdentität beider Bestrebungen ihrem Inhalte nach aussagen: aber dasBezeichnende ist doch, dals gerade sie als Beispiele gewählt sind, umdie Identität alles Strebens zu beweisen. In der Erzeugung von Seines-gleichen setzt sich das Ich ebenso über seine ursprüngliche Beschränkungauf sich selbst fort, wie wenn es, in der Verfügung über Besitz, diesemdie Form seines Willens einprägt. Dieser Begriff des Besitzes als einerblofsen Erweiterung der Persönlichkeit erfährt keine Widerlegung, sonderngerade eine tiefere Bestätigung durch die Fälle, in denen das Persönlich-keitsgefühl gleichsam den Zentralpunkt des Ich verlassen und sich aufjene umgebenden Schichten, den Besitz, übertragen hat gerade wiedie Deutung der Proliferation und Familienbildung als Expansion desIch dadurch nicht gestört wird, dafs die direkten Ichinteressen schliefs-lich hinter die Interessen [der Kinder zurücktreten können. Im mittel-alterlichen England galt es als das Zeichen unfreier Stellung, wenn mannicht ohne die Einwilligung des Lords eine Tochter verheiraten und