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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Persönlichkeit sie gleichsam absorbieren, d. h., von welchem Malse anihr Besitz sinnlos wird, weil nur bis zu diesem noch das Ich imstandeist, ihn mit sich zu erfüllen. Auch hier nimmt das Geld eine besondere Stellung ein. Man kann sagen, dafs zu seiner Verwaltung, Beherrschung,Genufs weniger Persönlichkeit eingesetzt zu werden braucht, als anderenBesitzobjekten gegenüber, und dafs deshalb das Mafs des Besitzes, dasman wirklich erfüllen und zur wirtschaftlichen Persönlichkeits-Sphäremachen kann, ein gröfseres ist, als bei anderen Besitzformen.

Abgesehen sogar von dem wirklichen Geniefsen ist in der Regel schondie Begierde nach allen anderen Dingen durch die Aufnahmefähigkeitdes Subjektes begrenzt, so wenig die Grenzen beider auch zusammen-fallen und in so weitem Kreise die erstere auch die letztere umgebenmag. Das Geld allein enthält wie früher schon ein anderer Zusammen-hang ergab jenes innere Mafs nicht, das sich schliefslich auch alsBegrenzung der Begierde nach dem Objekt geltend macht. Alles diesist natürlich um so mehr der Fall, je mehr das Geld wirklich blofses»Geld« ist, d. h. reines Tauschmittel ohne unmittelbar zu geniefsendenEigenwert. So lange als Geld noch Vieh, Eiswaren, Sklaven usw., alsoeigentlich Konsumwaren, fungieren, bedeutet sein Besitz weniger, dafser ausgedehnte Kaufkraft, als reiche 'Fülle des eigenen Konsumierensverleiht. Hierin sind sozusagen zwei verschiedene Formeln für die Aus-dehnung der Persönlichkeit nahegelegt. In dem primitiveren, natural-wirtschaftlichen Fall besteht sie in dem Sich-Aneignen der Objekte durchunmittelbaren Genufs, man könnte sagen: das Ich dehnt sich von seinemZentrum her kontinuierlich aus während mittels des abstrakten Metall-geldes oder gar des Kredites diese näheren Stufen gleichgültig undübersprungen werden. Im Gegensatz zu dem 2reichen«: Manne derNaturalwirtschaft kann der moderne Reiche das bescheidenste, ein-geschränkteste, im unmittelbaren Sinne genufsloseste Leben führen; mankann z. B. auf kulinarischem Gebiet, wie ich glaube, als Folge dervorschreitenden Geldwirtschaft die zweiseitige Entwicklungstendenz fest-stellen, dafs die Reichen immer einfacher essen von Festlichkeitenabgesehen und der Mittelstand immer besser wenigstens in denStädten. Durch die Fernwirkungen des Geldes kann das Ich seine Macht,seinen Genufs, seinen Willen an entferntesten Objekten ausleben, indemes die nächstgelegenen Schichten vernachlässigt und übergeht, die jenerprimitivere Reichtum ihm allein zur Verfügung stellt. Die Expansions-fähigkeit des Subjekts, die durch seine Natur selbst beschränkt ist, zeigtdem blofsen Gelde gegenüber eine gröfsere Weite und Freiheit als an

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