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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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III.

Innerhalb der Geistesgeschichte begegnet uns eine Entwicklung, die,so einfach ihr Schema ist, durch ihre umfassende und tiefgreifende Ver-wirklichung zu den bedeutsamsten Formen der geistigen Realität gehört.Wir finden nämlich gewisse Gebiete zuerst von je einem Charakterzugeuneingeschränkt beherrscht; die Entwicklung zerspaltet die Einheitlichkeitdes einzelnen in mehrere Teilgebiete, von welchen nun eines den Charakterdes Ganzen im engeren Sinne und im Gegensatz gegen die anderenTeile repräsentiert. Oder, anders ausgedrückt: bei allem relativen Gegen-satz zweier Elemente eines Ganzen können doch beide den Charakterdes einen von ihnen, aber in absoluter Form, gemeinsam tragen. Sokönnte z. B. der moralphilosophische Egoismus recht haben, dafs w T irüberhaupt nicht anders als im eigenen Interesse und um persönlicherLust willen handeln können. Dann aber mülste weiterhin zwischeneinem Egoismus im engeren und einem im weiteren Sinne unterschiedenwerden; wer seinen Egoismus an dem Wohlergehen anderer, etwa unterAufopferung des eignen Lebens, befriedigt, den würden wir zweifellosweiter einen Altruisten nennen und ihn von demjenigen unterscheiden,dessen Handeln nur auf Schädigung und Unterdrückung anderer geht;diesen müssen wir als den Egoisten schlechthin bezeichnen, so sehr derEgoismus, in seiner absoluten und weitesten Bedeutung sich mit jedemHandeln als solchem deckend, auch jenen ersteren einschliefsen mag.Ferner: die erkenntnistheoretische Lehre, dafs alles Erkennen ein reinsubjektiver, ausschliefslich im Ich verlaufender und vom Ich bestimmterProzefs ist, mag ihre Richtigkeit haben; dennoch unterscheiden wir nunsolche Vorstellungen, die objektiv wahr sind, von den nur subjektiv,durch Phantasie, Willkür, Sinnestäuschung erzeugten wenngleich,absolut genommen, auch jene objektiveren Erkenntnisse blofs subjektiverProvenienz sein mögen. Die Entwicklung geht auf immer gründlichere,-bewufstere Scheidung zwischen den objektiven und den subjektiven Vor-stellungen , die sich ursprünglich in einem unklaren psychologischenIndifferenzzustand bewegten. An dem Verhältnis des Menschen zu