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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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wird, ergibt es sich unvermeidlich, dals sein Quantum von Dienstensachlich unbestimmt ist und ebenso den wechselnden Ansprüchen derHausvorkommnisse folgt, wie er sich überhaupt der Hausordnung fügenmufs. Nun scheint die Entwicklung allmählich dahin zu gehen, dafs diehäuslichen Dienste mehr und mehr aufserhalb wohnenden Personenarbeitsteilig übertragen werden, so dafs diese nur ganz Bestimmtes zuleisten haben und ausschliefslich mit Geld abgelohnt werden. Die Auf-lösung der naturalwirtschaftlichen Hausgemeinschaft würde damit einer-seits zu einer objektiven Fixierung und einem mehr technischenCharakter der Dienste führen, in unmittelbarer Konsequenz davon aberzu einer völligen Unabhängigkeit und Auf-sich-selbst-Stehen der leisten-den Person.

Wenn die Entwicklung des Arbeitsverhältnisses in dieser durch dasGeld ermöglichten Linie fortschreitet, so erreicht sie vielleicht die Auf-hebung gewisser Übel, die man gerade der modernen Geldwirtschaftzum besonderen Vorwurf gemacht hat. Das Motiv des Anarchismusliegt in der Perhorreszierung der Über- und Unterordnung zwischen denMenschen, und wenn innerhalb des Sozialismus dieses sozusagen formaleMotiv durch mehr materiale ersetzt wird, so gehört es doch auch zuseinen Grundtendenzen, die Unterschiede der menschlichen Lagen zu be-seitigen, durch welche der eine ohne weiteres befehlen kann, der andereohne weiteres gehorchen mufs. So sehr für die Denkweisen, denen dasMals der Freiheit zugleich das Mafs alles sozial Notwendigen ist, dieBeseitigung von Über- und Unterordnung eine durch sich selbst begründeteForderung ist, so wäre doch die auf Über- und Unterordnung ruhendeGesellschaftsordnung an und für sich nicht schlechter als eine Verfassungvölliger Gleichheit, wenn nicht mit jener Gefühle von Unterdrückung,Leid, Entwürdigung verbunden wären. Würden jene Theorien psycho-logische Klarheit über sich selbst besitzen, so müfsten sie einsehen, dafsdie Gleichstellung der Individuen ihnen garnicht das absolute Ideal, gar-nicht der kategorische Imperativ ist, sondern das blofse Mittel, um ge-wisse Leidgefühle zu beseitigen, gewisse Befriedigungsgefühle zu erzeugen;wobei nur von jenen abstrakten Idealisten abgesehen wird, für die dieGleichheit ein formal-absoluter und selbst um den Preis aller möglicheninhaltlichen Nachteile, ja, des Pereat mundus, erforderter Wert ist. Woaber eine Forderung ihre Bedeutung nicht in sich, sondern von ihrenFolgen zu Lehen trägt, da ist es prinzipiell stets möglich, sie durcheine andere zu ersetzen: denn die gleiche Folge kann durch sehr ver-schiedene Ursachen hervorgerufen werden. Diese Möglichkeit ist imvorliegenden Falle deshalb sehr wichtig, weil alle bisherige Erfahrung