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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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die die Freiheit sich darstellt, ist Unregelmäfsigkeit, Unberechenbarkeit,Asymmetrie; weshalb denn wie später noch ausführlich zu erörternist freiheitliche politische Verfassungen, wie die englische, durch ihreinneren Anomalien, ihren Mangel an Planmäfsigkeit und systematischemAufbau charakterisiert sind, während despotischer Zwang allenthalbenauf symmetrische Strukturen, Gleichförmigkeit der Elemente, Vermeidungalles Rhapsodischen ausgeht. Die Schwankungen der Preise, unter denender Geldlohn empfangende Arbeiter ganz anders als der in Naturalienentlohnte leidet, haben so einen tiefen Zusammenhang mit der Lebensformder Freiheit, die dem Geldlohn ebenso entspricht, wie die Naturalentlohnungder Lebensform der Gebundenheit. Gemäfs der Regel, die weit über diePolitik hinaus gilt: wo eine Freiheit ist, da ist auch eine Steuer zahltder Arbeiter in den Unsicherheiten des Geldlohnes die Steuer für diedurch diesen bewirkte oder angebahnte Freiheit. Ganz Entsprechendesnehmen wir wahr, wo umgekehrt die Leistungen des sozial Tief erstehendenaus der naturalen in die Geldform übergehen. Die Naturalleistung schafftein gemütlicheres Verhältnis zwischen dem Berechtigten und dem Ver-pflichteten. In dem Korn, dem Geflügel, dem Wein, die der Grundholdein den Herrenhof liefert, steckt unmittelbar seine Arbeitskraft, es sindgleichsam Stücke von ihm, die sich von seiner Vergangenheit und seinemInteresse noch nicht völlig gelöst haben; und entsprechend werden sieunmittelbar von dem Empfänger genossen, er hat ein Interesse an ihrerQualität und sie gehen sozusagen ebenso in ihn persönlich ein, wie sievon jenem persönlich ausgehen. Es wird damit also eine viel engereVerbindung zwischen Berechtigtem und Verpflichtetem her gestellt, alsdurch die Geldleistung, in der die personalen Momente von beiden Seitenher verschwinden. Deshalb hören wir, dafs im frühen mittelalterlichenDeutschland durchaus die Sitte herrschte, die Leistungen der Hörigendurch kleine Gefälligkeiten zu mildern; allenthalben erhielten sie bei derEntrichtung der Abgaben eine kleine Gegengabe, mindestens Speise undTrank. Diese wohlwollende, sozusagen anmutige Behandlung der Ver-pflichteten hat sich in dem Mafse verloren, in dem an die Stelle derNaturalleistungen mehr und mehr Geldleistungen und an die Stelle derunter ihren Grundholden lebenden Grund- und Landesherren die härterenBeamten traten. Denn diese Einsetzung der Beamten bedeutete dieObjektivierung des Betriebes: der Beamte leitete ihn nach den unpersön-lichen Anforderungen der Technik, die ein möglichst grofses objektivesErträgnis liefern sollte. Er stand mit derselben entpersonalisierendenWirkung zwischen dem Hörigen und dem Plerrn, wie sich das Geldzwischen die Leistung des einen und den Genufs des andern schob, eine