Druckschrift 
Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
Seite
370
Einzelbild herunterladen
 

370

ausgeht, muls das Geld eine grölsere Rolle spielen, als wo umgekehrtdie Persönlichkeit sozusagen das aktive Element in dem Prozesse ist, sievon der Leistung zu sondern; denn das Geld hat vermöge seines un-persönlichen Charakters und seiner unbedingten Nachgiebigkeit eine be-sonders starke Wahlverwandtschaft zu der einzelnen Leistung als solcherund eine besondere Kraft, sie hervorzuheben: wogegen jene Höhe undSicherheit der Lebenshaltung, mit der der Persönlichkeit als ganzer dasÄquivalent für ihre Bewährungen geboten wird, ebensogut auch in denprimitiveren Wirtschaftsformen, durch Belehnung mit einem Stück Landoder mit Regalien irgendwelcher Art eintreten konnte. Die spezifischeBedeutung des Geldes innerhalb dieser Reihe geht nicht von der Seitedes Empfangenden, sondern des Gebenden aus. Denn es ermöglicht,jenes Gesamtäquivalent für das Lebenswerk eines Arbeitenden aus denBeiträgen Vieler zusammenzusetzen, mögen dies nun die Ein-trittsgelder von Konzertbesuchern sein, oder die Aufwendungen derBücherkäufer, oder die Steuern der Bürger, aus denen die Beamten-gehälter gezahlt werden. Das tritt recht an dem Zusammenhang hervor,den die Geldwirtschaft ersichtlich mit dem Aufkommen mechanischerReproduktionen hat. Sobald der Buchdruck erfunden ist, wird für daselendeste Machwerk derselbe Bogenpreis bezahlt wie für die erhabensteDichtung, sobald es Photographien gibt, ist eine solche der Bella di Tizianonicht teurer als die einer Chansonettensängerin, sobald mechanische Pler-stellungsweisen von Geräten bestehen, ist eines im edelsten Stil nichtkostbarer als manches im geschmacklosesten. Wenn der Schöpfer deseinen mehr Geld verdient, als der des anderen, so bewirkt dies nur diegrölsere Anzahl derer, von denen jeder für das Produkt dennochnur ebensoviel zahlt, wie jeder Abnehmer des anderen. Liegt hierinschon an und für sich der demokratische Charakter des Geldes, gegen-über den Ausstattungen der zu honorierenden Persönlichkeiten durchEinzelpersonen in den Formen des Feudalismus oder des Mäcenatentums,so dient diese Anonymität des Geldgebers, im Gegensatz zu den genanntenanderen Formen, sicherlich der subjektiven Unabhängigkeit und freienEntwicklung der die Leistung anbietenden Person. , Insbesondere dasÜberhandnehmen der mechanischen Reproduktionsweisen mit jener Folge,den Geldpreis von der Qualität unabhängig zu machen, zerschneidet dasBand, das die spezifische Bezahlung für die spezifische Leistung zwischenAbnehmern und Produzenten geknüpft hatte. So tut in dem Differen-zierungsprozesse zwischen Person und Leistung das Geld seinen Dienstfür die Unabhängigkeit des Leistenden schliefslich ebenso, wenn dieLösung jener ehemals verschmolzenen Elemente von der Verselbständi-