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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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gung der Person, wie wenn sie von der Verselbständigung der Leistungausging.

Sehen wir hier auf den Anfang dieser Überlegungen zurück, sozeigt sich der ganze beschriebene Sonderungsprozefs zwischen der Personund der Sache im genauen Sinne doch als eine Differenzierung inner-halb der ersteren: es sind die verschiedenen Interessen und Betätigungs-sphären der Persönlichkeit, die durch die Geldwirtschaft ihre relativeSelbständigkeit erhalten. Wenn ich sagte, dafs das Geld die ökonomischeLeistung aus dem Ganzen der Persönlichkeit herauslöst, so bleibt, absolutgenommen, jene doch immer ein Teil der Persönlichkeit, diese andrer-seits bedeutet jetzt nicht mehr ihr absolutes Ganze, sondern nur nochdie Summe derjenigen psychischen Inhalte und Energien, die nach Aus-sonderung der ökonomischen übrig bleiben. So kann man die Wirkungdes Geldes als eine Atomisierung der Einzelpersönlichkeit bezeichnen,als eine innerhalb ihrer vor sich gehende Individualisierung. Dies istdoch aber nur eine in das Individuum hinein fortgesetzte Tendenz derganzen Gesellschaft: wie das Geld auf die Elemente des Einzelwesens,so wirkt es vor allem auf die Elemente der Gesellschaft, auf dieIndividuen. Der letztere, der Tatsache nach oft betonte Erfolg der Geld-wirtschaft heftet sich zunächst daran, dafs das Geld eine Anweisung aufdie Leistungen Anderer ist. Während in vorgeldwirtschaftlichen Zeitender Einzelne unmittelbar auf seine Gruppe angewiesen war und der Aus-tausch der Dienste jeden eng mit der Gesamtheit verband, trägt nunjeder seinen Anspruch auf die Leistungen von Anderen in verdichteter,potenzieller Form mit sich herum. Er hat die Wahl, wann und wo erihn geltend machen will, und löst damit die Unmittelbarkeit der Be-ziehungen, die die frühere Austauschform gestiftet hatte. Diese äufserstbedeutsame Kraft des Geldes, dem Individuum eine neue Selbständigkeitden unmittelbaren Gruppeninteressen gegenüber zu verleihen, äufsertsich keineswegs nur gelegentlich des fundamentalen Gegensatzes zwischenNatural- und Geldwirtschaft, sondern auch innerhalb der letzteren. GegenEnde des 16. Jahrhunderts schrieb der italienische Publizist Botero:»Wir haben in Italien zwei blühende Republiken, Venedig und Genua .Die Venetianer, welche sich mit reellem Warenhandel beschäftigen, sindzwar als Privatleute nur mäfsig reich geworden, haben aber dafür ihrenStaat aufserordentlich grofs und reich gemacht. Die Genuesen dagegenhaben sich ganz dem Geldgeschäft ergeben und hierdurch ihren Privat-besitz sehr vermehrt, während ihr Staatswesen verarmt ist.« Indem dieInteressen auf das Geld gestellt werden und soweit der Besitz in Geldbesteht, mufs der Einzelne die Tendenz und das Gefühl einer selb-

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