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ständigeren Bedeutung dem sozialen Ganzen gegenüber bekommen, erverhält sich zu diesem nun wie Macht zu Macht, weil er frei ist, sichseine Geschäftsbeziehungen und Kooperationen überall, wo er will, zusuchen; das Warengeschäft dagegen, selbst wenn es sich räumlich soweit erstreckt wie das der Venetianer, mufs vielmehr Mitwirkende undAngestellte im nächsten Kreise suchen, seine umständlichere undsubstanziellere Technik legt ihm überhaupt lokale Bedingungen auf, vondenen das Geldgeschäft frei ist. Noch entschiedener tritt dies natürlichan dem Unterschied zwischen Grund- und Geldbesitz hervor. Es be-weist die Tiefe dieses soziologischen Zusammenhanges, dafs man hundertJahre nach jener Äufserung Boteros gerade an sie die Betrachtung ge-knüpft hat, welche Gefahr es für den Staat wäre, wenn das Haupt-vermögen der herrschenden Klasse aus Mobiliarbesitz besteht, den manin Zeiten der öffentlichen Not in Sicherheit bringen kann, während dieGrundbesitzer durch ihr Interesse unlösbar mit dem Vaterlande ver-bunden sind. In England ist das steigende Übergewicht des industriellenReichtums über den in Grundbesitz angelegten dafür verantwortlich ge-macht worden, dafs das kommunal-soziale Interesse der obersten Klassesich verloren hat. Das alte Self-Government ruhte auf der persönlichenStaatstätigkeit der letzteren, die jetzt immer mehr direkten StaatsorganenPlatz macht. Die blofse Geldsteuer, mit der man sich jetzt abfindet,dokumentiert den Zusammenhang, der zwischen der gewachsenen Geld-mäfsigkeit aller Verhältnisse und dem Niedergang jener alten Sozial-verpflichtungen stattfindet.
Nun macht das Geld nicht nur die Beziehung der Einzelnen zurGruppe überhaupt zu einer viel unabhängigeren, sondern der Inhalt derspeziellen Assoziationen und das Verhältnis der Teilnehmer zu ihnenunterliegt einem ganz neuen Differenzierungsprozefs. Die mittelalterlicheKorporation schlols den ganzen Menschen in sich ein: eine Zunft derTuchmacher war nicht eine Assoziation von Individuen, welche dieblofsen Interessen der Tuchmacherei pflegte, sondern eine Lebens-gemeinschaft in fachlicher, geselliger, religiöser, politischer und vielensonstigen Hinsichten. Um so sachliche Interessen sich eine solcheAssoziation auch gruppieren mochte, sie lebte doch ganz unmittelbar inihren Mitgliedern und diese gingen restlos in ihr auf. Im Gegensatz zudieser Einheitsform hat nun die Geldwirtschaft unzählige Assoziationenermöglicht, die entweder von ihren Mitgliedern nur Geldbeiträge ver-langen oder auf ein blofses Geldinteresse hinausgehen: zuhöchst dieAktiengesellschaft, bei der der Vereinigungspunkt der Teilhaber aus-schliefslich in dem Interesse an der Dividende liegt; so ausschliefslich,