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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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dingliche Benefizien gegründet werden konnten sie auf aristokratischenCharakter der ganzen Institution hinwirkten. Das Erbprinzip aber stehtim grofsen und ganzen im Gegensatz zum Individualprinzip. Es bindetden Einzelnen in die Reihe der nacheinander lebenden Personen, wiedas Kollektivprinzip ihn in die der nebeneinander lebenden bindet - , sogarantiert auch im Biologischen die Vererbung die Gleichheit der Gene-rationen. An der Schranke des Vererbungsprinzips macht die wirt-schaftliche Individualisierung Halt. Im 13. und 14. Jahrhundert hattesich zwar die deutsche Einzelfamilie wirtschaftlich vom »Geschlecht«emanzipiert und trat als selbständiges Vermögenssubjekt auf. Aber damitwar auch die Differenzierung beendet. Weder der Hausvater, noch Frauoder Kinder hatten scharf bestimmte individuelle Rechte an das Ver-mögen; es verblieb als Stock der Familiengenerationen. Die einzelnenFamilienglieder waren nach dieser Richtung hin noch nicht individualisiert.Die Herausbildung der wirtschaftlichen Individualität beginnt hier alsoan dem Punkte, wo der Erbgang endet: an der Einzelfamilie, und hörtdort wieder auf, wo er noch herrscht: innerhalb der Einzelfamilie;erst wo, wie in der Neuzeit, die Vererbung wesentlich bewegliches Ver-mögen betrifft, wird dieser Inhalt ihrer mit seinen individualistischenKonsequenzen freilich Herr über ihr formal anti-individualistisches Wesen.Ja selbst die Forderungen der Praxis können dieses oft nicht überwinden,wo es an dem Charakter des Grundbesitzes seine Stütze findet. Eskönnte nämlich mancher Schattenseite unseres bäuerlichen Erbrechts ineinzelnen Fällen abgeholfen werden, wenn die Bauern testierten. Alleindas tun sie sehr selten. Das Testament ist zu individuell gegenüber derIntestaterbfolge. Die Verfügung über den Besitz nach ganz persönlichem,von der Üblichkeit und Allgemeinheit abweichendem Belieben ist ein zustarker Anspruch an die Differenziertheit des Bauern. So dokumentiertsich überall die Immobilität des Besitzes, mag sie mit seiner Kollektivitätoder seiner Erblichkeit verbunden sein, als das Hemmnis, dessen Zurück-weichen einen proportionalen Fortschritt der Differenzierung und persön-lichen Freiheit gestattet. Insofern das Geld das beweglichste unter allenGütern ist, muls es den Gipfel dieser Tendenz darstellen und ist nunauch tatsächlich derjenige Besitz, der die Lösung des Individuums vonden vereinheitlichenden Bindungen, wie sie von anderen Besitzobjektenausstrahlen, am entschiedensten bewirkt.