Druckschrift 
Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
Seite
391
Einzelbild herunterladen
 

391

Stimmung, die sowohl durch ihre absolute Gröfse wie durch denMangel an Differenzierung mit jener in einem auffallenden Gegensatzstand. So war damit zwar noch nicht die Vorstellung begründet, dafsdieser Sklave einen ganz bestimmten Wert, abgesehen von seiner Nütz-lichkeit für seinen Besitzer, hatte. Allein der Unterschied zwischenseinem Preise, der diese Nützlichkeit ausdrückte, und dem Sühnegeldfür seine Tötung wenn auch durch ein theologisches Mifsverständnishervorgerufen wies doch darauf hin, dafs eine ökonomische Wert-bestimmtheit des Menschen aus einer objektiven Ordnung hervorgehenkonnte, die seine Wertung aus der blofsen privaten Nützlichkeit für denBerechtigten durchbrach. Dieser Übergang wird in dem Mafse er-leichtert und bezeichnet, in dem das Wergeid eine rein staatlicheInstitution wird. An vielen Stellen wurde das Gewicht des gerichtlichenEides der Höhe des Wergeides proportional eingeschätzt. Und be-zeichnenderweise kommt es vor, dafs nur der Freie Wergeid hat, derUnfreie aber überhaupt nicht. Im florentiner Gebiet finden wir währenddes Mittelalters eine reiche Abstufung von Hörigen als coloni, sedentes,quilini, inquilini, adscripticii, censiti usw. deren Bindungen wahr-scheinlich im umgekehrten Verhältnis ihres Wergeides Zunahmen, sodafs für die gänzlich Unfreien überhaupt kein Wergeid mehr bestand.Noch im 13. Jahrhundert wurde dieses an sich damals längst veralteteund rein formell gewordene Kriterium z. B. vor Gericht festgestellt, umdie Bedeutung der Zeugenaussagen danach zu rangieren. Vom indivi-dualistischen Nützlichkeitsstandpunkte aus müfste umgekehrt das Wer-geid um so entschiedener festgehalten werden, je mehr jemand das Eigen-tum eines Dritten ist. Dafs es anders geschah, und dafs jene Ordnungals Symbol für das Gewicht der persönlichen Aussage funktionierte, daszeigt den Punkt an, auf dem das Wergeid zum Ausdruck des objektivenPersönlichkeitswertes geworden war.

In der Entwicklung, die so von einer blofs utilitarischen zu einersachlichen Preisschätzung des Menschen aufstieg, macht sich ein sehrallgemeiner Modus des Denkens geltend. Wenn alle Subjekte von einemObjekt einen und denselben Eindruck empfangen, so scheint das nichtanders erklärbar, als dafs das Subjekt eben diese bestimmte Qualität,den Inhalt jenes Eindrucks, an sich besitze; ganz verschiedene Eindrückemögen in ihrer Verschiedenheit aus den aufnehmenden Subjekten stammen,ihre Gleichheit aber kann, wenn man den unwahrscheinlichsten Zufallausschliefsen will, nur daher stammen, dafs sich das so qualifizierteObjekt in den Geistern spiegelt zugegeben selbst, dafs dies nur einsymbolischer und tieferer Ergänzung bedürftiger Ausdruck ist. Inner-