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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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halb der Wertsetzung wiederholt sich dieser Vorgang. Wenn dasselbeObjekt in verschiedenen Fällen und von verschiedenen Personen ver-schieden gewertet wird, so wird die ganze Schätzung seiner als einsubjektiver Prozefs erscheinen, der infolgedessen je nach den persönlichenUmständen und Dispositionen verschieden ausfallen mufs. Wird es indesvon verschiedenen Personen immer genau gleich geschätzt, so scheintder Schlufs unvermeidlich, dafs es eben soviel wert ist. Wenn alsoetwa die Angehörigen der Erschlagenen ganz verschiedene Wergeiderfür sie forderten, war es klar, dafs sie damit ihren persönlichen Verlustdeckten; sobald aber die Höhe des Wergeides für den bestimmten Standein für allemal festgesetzt und dieses bei den verschiedensten Personenund in den verschiedensten Fällen immer gleich geleistet wurde, somufste sich daraufhin die Vorstellung ausbilden, der Mann sei eben anund für sich so und so viel wert. Diese Gleichgültigkeit gegen personaleUnterschiede läfst den Wert des Menschen überhaupt nicht mehr indemjenigen bestehen, was andere Subjekte an ihm besitzen und verlieren,sie läfst ihn gleichsam als einen objektiven, in Geld ausdrückbaren, aufihn selbst zurückströmen. Die im Interesse des sozialen Friedens undzur Vermeidung endloser Zwistigkeiten getroffene Fixierung des Wer-geides erscheint so als die psychologische Ursache, die die ursprünglichsubjektiv-utilitarische Wertung des Menschenlebens in die objektive Vor-stellung überführte, der Mensch habe eben diesen bestimmten Wert.

Dieser kulturhistorisch so eminent wichtige Gedanke, dafs dieTotalität eines Menschen mit Geld aufzuwiegen sei, findet sich tatsächlichnur in zwei oder drei Erscheinungen verwirklicht: eben im Blutgeldund in der Sklaverei, vielleicht auch in der Kaufehe, auf die ich nachhereingehe. Man könnte die ungeheure Differenz der Anschauungsweisen,die uns die Möglichkeit der Sklaverei und des Blutgeldes heute so fernrückt, nach rein ökonomischen Begriffen dennoch als eine blofs graduelle,quantitative bezeichnen. Denn im Sklaven wird doch nur die Summederjenigen Arbeitsleistungen mit Geld bezahlt, die wir in ihrer Ver-einzelung auch heute nur mit Geld bezahlen. Das Äquivalent für dasausgegebene Geld ist heute wie damals die Arbeit des Menschen; nurdafs sie damals in Bausch und Bogen erworben wurde und jetzt vonFall zu Fall, und dafs sie nicht dem Arbeitenden, sondern einemanderen bezahlt wurde von den Fällen freiwilligen Sich-Verkaufensin die Sklaverei abgesehen. Und in Hinsicht des Blutgeldes widersprichtes auch heute unseren Gefühlen nicht, dafs eine Geldbufse auf geringereVerletzungen gesetzt wird, seien es solche körperlicher oder innererArt, wie Ehrenkränkungen oder Bruch des Eheversprechens. Noch