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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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neuerdings werden Delikte bis zu recht erheblicher Schwere in einigen.Strafgesetzgebungen nur mit Geld gesühnt: so im Staate New-York , inden Niederlanden, im modernen Japan . Auf dem blofs ökonomischenStandpunkte verharrend, kann man die Tötung des Menschen als eineblofs graduelle Steigerung solcher partiellen Lahmlegungen und Herab-setzungen seiner Energien und Bewährungen ansehen, wie man ja auchphysiologisch den Tod als eine Steigerung und Verbreiterung vonProzessen bezeichnet hat, die in niedrigem oder auf gewisse Körper-provinzen beschränktem Grade auch am »lebenden« Organismus statt-finden.

Allein diese ökonomische Betrachtungsart ist nicht die geltende. Tat-sächlich ruht die ganze vom Christentum beherrschte Entwicklung derLebenswerte auf der Idee, dafs der Mensch einen absoluten Wert be-sitzt; jenseits aller Einzelheiten, aller Relativitäten, aller besonderenKräfte und Aufserungen seines empirischen Wesens steht eben »derMensch«, als etwas einheitliches und unteilbares, dessen Wert überhauptnicht mit irgend einem quantitativen Mafsstab gewogen und deshalbauch nicht mit einem blofsen Mehr oder Weniger eines anderen Wertesaufgewogen werden kann. Das ist der Grundgedanke, der das ideelleFundament des Blutgeldes wie der Sklaverei verneint, weil diese denganzen und absoluten Menschen in ein Gleichungsverhältnis mit einemrelativen und blofs quantitativ bestimmbaren Werte, dem Geld, bringen.Dafs es zu dieser Aufgipfelung des Menschenwertes kam, ist wie gesagtdem Christentum gutzuschreiben, dessen Gesinnung freilich einerseits inmancherlei Ansätzen antizipiert worden ist, wie die historische Entwicklungdieser Konsequenz andrerseits lange auf sich warten liefs; denn die Kirchehat die Sklaverei keineswegs so energisch bekämpft, wie sie wohl ver-pflichtet gewesen wäre, und hat (allerdings um des öffentlichen Friedenswillen und um Blutvergiefsen zu vermeiden) die Sühnung des Mordesdurch Wergeid geradezu gefordert. Dafs dennoch die Enthebung desMenschenwertes aus jeder blofsen Relation, jeder nur quantitativ bestimmtenReihe in der Denkrichtung des Christentums liegt, hängt so zusammen.Was jede höhere Kultur von den niederen scheidet, ist sowohl die Viel-fachheit wie die Länge der teleologischen Reihen. Die Bedürfnisse desrohen Menschen sind gering an Zahl, und wenn sie überhaupt erreichtwerden, gelingt es durch eine relativ kurze Kette von Mitteln. SteigendeKultur vermehrt nicht nur die Wünsche und Bestrebungen der Menschen,sondern sie führt den Aufbau der Mittel zu jedem einzelnen dieser Zweckeimmer höher, und fordert schon für das blofse Mittel oft einen viel-gliedrigen Mechanismus ineinandergreifender Vorbedingungen. Auf Grund