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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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dieses Verhältnisses wird sich die abstrakte Vorstellung von Zweck undMittel erst in einer höheren Kultur erheben; erst in ihr wird wegen derFülle der Zweckreihen, die eine Vereinheitlichung suchen, wegen desimmer weiteren Hinausrückens der eigentlichen Zwecke an eine immerlängere Kette von Mitteln die Frage nach dem absoluten Endzweck,der diesem ganzen Treiben Vernunft und Weihe gäbe, nach dem Wozudes Wozu auftauchen. Dazu kommt, dafs das Leben und Handeln desKulturmenschen sich durch eine ungeheure Anzahl von Zwecksystemenhindurchbewegt, von deren jedem er nur einen geringen Teil beherrschen,ja übersehen kann, und dafs so gegenüber der Einfachheit primitivenDaseins eine beängstigende Differenziertheit der Lebenselemente entsteht;der Gedanke eines Endzwecks, in dem alles dies wieder seine Versöhnungfände, dessen es aber bei undifferenzierten Verhältnissen und Menschengarnicht bedarf, steht als Frieden und Erlösung in der Zersplitterungund dem fragmentarischen Charakter der Kultur. Und mit je weiterenqualitativen Differenzen die Elemente der Existenz auseinanderliegen, indesto abstrakterer Höhe über jedem mufs ersichtlich der Endzweck stehen,der das Leben als Einheit zu empfinden ermöglicht; nach dem die Sehn-sucht nun keineswegs immer in bewufster Formulierung zu bestehenbraucht, sondern auch, nicht weniger stark, als ein dumpfer Trieb, Sehn-sucht, Unbefriedigtheit der Massen. Am Beginn unserer Zeitrechnungwar offenbar die griechisch-römische Kultur auf diesen Punkt gekommen.Das Leben war ein so vielgliedriges und langsichtiges Zweckgewebegeworden, dafs sich als sein Destillat und focus imaginarius mit ungeheurerGewalt das Gefühl erhob: wo liegt nun der definitive Zweck diesesGanzen, der endgültige Abschlufs, der sich nicht mehr, wie alles, waswir sonst erstreben, schliefslich als blofses Mittel enthüllt ? Der resignierteoder grollende Pessimismus jener Zeit, ihr besinnungsloses Geniefsen, dasfreilich in seinem Augenblicksdasein einen nicht über sich hinausfragendenZweck fand, auf der einen Seite, ihre mystisch-asketischen Tendenzen aufder anderen sie sind der Ausdruck jenes dunklen Suchens nach einemabschliefsenden Sinn des Lebens, jener Angst um den Endzweck derganzen Mannigfaltigkeit und Mühsal seines Apparates von Mitteln. DiesemBedürfnis nun brachte das Christentum eine strahlende Erfüllung. Zumerstenmal in der abendländischen Geschichte wurde hier den Massen einwirklicher Endzweck des Lebens geboten, ein absoluter Wert des Seins,jenseits alles Einzelnen, Fragmentarischen, Widersinnigen der empirischenWelt: das Heil der Seele und das Reich Gottes. Nun war für jedeSeele Platz in Gottes Hause, und indem sie der Träger ihres ewigenHeils war, wurde jede einzelne, die unscheinbarste und niedrigste wie