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die des Helden und Weisen, unendlich wertvoll. Durch ihre Beziehungzu dem einen Gott strahlte alle Bedeutung, alle Absolutheit, alle Jenseitig-keit seiner auf sie zurück; so war sie durch den ungeheuren Machtspruch,der ihr ein ewiges Schicksal und eine grenzenlose Bedeutung verkündete,mi t einem Schlage allem blofs Relativen, jedem blofsen Mehr oder Wenigerder Würdigung enthoben. Nun hat freilich der Endzweck, an den dasChristentum den absoluten Wert der Seele band, eine eigentümliche Ent-wicklung erfahren. Wie nämlich jedes Bedürfnis durch die Gewohnheitseiner Befriedigung fester wird, so hat das Christentum durch das solange andauernde Bewufstsein eines absoluten Endzweckes das Bedürfnisdanach aufserordentlich fest einwurzeln lassen, so dafs es denjenigenSeelen, denen gegenüber es jetzt versagt, das leere Sehnen nach einemdefinitiven Zweck des ganzen Daseins als seine Erbschaft hinterlassenhat: das Bedürfnis hat seine Erfüllung überlebt. Indem die Schopen-hauersche Metaphysik als die Substanz des Daseins den Willen ver-kündete — der notwendig unerfüllt bleiben mufs, weil er, als das Absolute,nichts aufser sich hat, an dem er sich befriedige, sondern immer undüberall nur sich selbst ergreifen kann — ist sie ausschliefslich der Aus-druck dieser Lage der Kultur, die das heftigste Bedürfnis nach einemabsoluten Endzweck überkommen, aber dessen überzeugenden Inhalt ver-loren hat. Die Schwächung des religiösen Empfindens und gleichzeitigdas so lebhaft wiedererwachte Bedürfnis nach einem solchen sind dasKorrelat der Tatsache, dafs dem modernen Menschen der Endzweck ab-handen gekommen ist. Aber was dessen Vorstellung für die Wertungder Menschenseele geleistet hat, ist nicht zugleich verloren gegangenund zählt zu den Aktiven jener Erbschaft. Indem das Christentum dieMenschenseele für das Gefäfs der göttlichen Gnade erklärte, wurde siefür alle irdischen Mafsstäbe völlig inkommensurabel und blieb es; undso fern und fremd diese Bestimmung eigentlich für den empirischenMenschen mit seinen irdischen Schicksalen ist, so wenig kann doch eineRückwirkung ihrer da ausbleiben, wo der ganze Mensch in Frage steht;sein einzelnes Schicksal mag gleichgültig sein, die absolute Summe der-selben kann es doch nicht bleiben. In unmittelbarer Weise hat freilichschon das jüdische Gesetz die religiöse Bedeutung des Menschen gegenseinen Verkauf als Sklaven aufgerufen. Wenn ein Israelit sich wegenVerarmung eines Stammesgenossen in die Sklaverei verkaufen mufs, sosoll dieser — so befiehlt Jahve — ihn wie einen Lohnarbeiter haltenund nicht wie einen Sklaven, »denn meine Knechte sind sie, dieich aus Ägypten weggeführt habe, sie dürfen nicht verkauft werden, wieman Sklaven verkauft«.