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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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Der Wert der Persönlichkeit aber, der sie durch diese Vermittlunghindurch aller Vergleichbarkeit mit dem rein quantitativen Mafsstab desGeldes entrückt, kann zwei wohl auseinanderzuhaltende Bedeutungenhaben; er kann den Menschen als Menschen überhaupt, und er kannden Menschen als dieses bestimmte Individuum betreffen. Sagte manetwa, die menschliche Persönlichkeit besitze den höchsten Seltenheitswert,weil sie kein irgend vertretbares Gut, sondern in ihrer Bedeutung schlecht-hin unersetzbar sei so bleibt die Frage, gegen welche anderen Werteman sie auf diese Weise isoliere. Tragen die Qualitäten des Menschenseinen Wert, so bezieht sich jene Seltenheit, da sie bei jedem anderesind auf den einzelnen Menschen gegenüber allen anderen. . DieseAnschauung, die teilweise dem Altertum und dem modernsten Indivi-dualismus eigen ist, führt unvermeidlich auf eine Abstufung innerhalbder Menschenwelt, und nur in dem Mals, in dem die Träger der niedrigstenWerte sich noch mit denen der höchsten berühren, haben jene an derAbsolutheit des Wertes dieser Teil; daher wiederholt sich die klassischeÜberzeugung von der Berechtigung der Sklaverei bei einigen der neuestenIndividualisten. Ganz anders das Christentum, die Aufklärung des18. Jahrhunderts (einschlielslich Rousseau und Kant) und der ethischeSozialismus. Für diese Standpunkte ruht der Wert in dem Menschen,blofs weil er ein Mensch ist, es bezieht sich also der Seltenheitswert aufdie Menschenseele überhaupt gegenüber dem, was nicht Seele ist; inBezug auf den entscheidenden, den absoluten Wert ist hier jeder Menschjedem anderen gleich. Das ist also der abstrakte Individualismusabstrakt, weil er den ganzen Wert, die ganze absolute Bedeutung an denAllgemeinbegriff Mensch heftet und ihn erst von diesem auf das einzelneExemplar der Gattung überleitet. Ihm gegenüber hat das 19. Jahr-hundert, seit den Romantikern, den Begriff des Individualismus mit einemganz andern Inhalt erfüllt; während der Gegensatz, aus dem das Individuumals solches seine spezifische Bedeutung zog, im 18. Jahrhundert diestaatliche, kirchliche, gesellschaftliche, zünftige Kollektivität und Bindungwar, so dafs das Ideal in dem freien Fürsichsein der Einzelnen bestandist der Sinn des späteren Individualismus der Unterschied zwischen denEinzelnen, ihre qualitative Besonderung gegeneinander. An der ersterenAnschauungsweise, auf deren Boden die »Menschenwürde« und die»Menschenrechte« gewachsen sind, markiert sich am entschiedensten dieEntwicklung, die jeden Verkauf eines Menschen für Geld und die Sühnungseiner Tötung durch Geld innerlich unmöglich macht eine Entwicklung,deren Anfänge da liegen müssen, wo die kollektivistischen Bande derfrühesten Sozialformen sich lockern, wo das Individuum sich aus der