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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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an die Brauteltern. Der Unterschied eigentlichen Geldes gegen Leistungenanderer Art macht sich hier geltend. Von den Lappländern wird be-richtet, dals sie ihre Töchter zwar gegen Geschenke hingeben, es aberfür nicht anständig erklären, Geld für sie zu nehmen. Zieht man dieübrigen sehr komplizierten Bedingungen in Betracht, von denen dieStellung der Frauen abhängt, so scheint es, als ob der eigentliche Geld-kauf sie viel tiefer herabdrücke, als die Hingabe gegen Geschenke odergegen persönliche Dienstleistungen des Werbers für die Eltern der Braut.In dem Geschenke steckt wegen der gröfseren Unbestimmtheit seinesWertes und der selbst bei sozialer Konvention darüber indivi-duelleren Freiheit seiner Auswahl etwas Persönlicheres, als in der dahin-gegebenen Geldsumme mit ihrer unbarmherzigen Objektivität. Zudembaut das Geschenk die Brücke zu jener vorgeschritteneren und zurMitgift überführenden Form, bei der die Geschenke des Werbers durchGeschenke seitens der Brauteltern erwidert werden. Damit ist prinzipielldie Unbedingtheit der Verfügung über die Frau gebrochen, dennder Wert, den der Mann angenommen hat, schliefst eine gewisse Ver-pflichtung in sich; er ist jetzt nicht mehr der allein Vorleistende undein Forderungsrecht liegt auch auf der anderen Seite. Es ist fernerbehauptet worden, dafs der Erwerb der Frauen durch Arbeitsleistungeneine höhere Eheform darstellt als die durch direkten Kauf. Es scheintindes, dafs dieselbe die ältere und unkultiviertere sei, was freilich nichthindern würde, dafs sie mit einer besseren Behandlung der Frauen ver-bunden ist. Denn überhaupt hat gerade die vorgeschrittenere und geld-mäfsige Wirtschaft die Lage dieser wie der Schwächeren überhauptvielfach verschlimmert. Unter den jetzigen Naturvölkern finden wirbeide Formen manchmal bei einem und demselben nebeneinander. Dieseletztere Tatsache beweist, dafs ein wesentlicher Unterschied für dieBehandlung der Frauen nicht besteht, wenngleich im grofsen und ganzendas Einsetzen eines so persönlichen Wertes, wie die Dienstleistung ist,den Erwerb der Frau doch in ganz anderer Weise über den einesSklaven stellen mufs, wie ihr Kauf für Geld oder substanziellen Geldes-wert. Nun gilt auch hier das allenthalben Hervorzuhebende: dafs dieHerabdrückung und Entwürdigung menschlichen Wertes durch solchesErkauftwerden eine geringere wird, wenn die Kaufsummen sehr grofssind. Denn in sehr hohen Summen besitzt der Geldesw r ert eine Selten-heit, die ihn individueller, unverwechselbarer färbt und ihn dadurch zumÄquivalent personaler Werte geeigneter macht. Bei den Griechender heroischen Zeit finden sich Geschenke des Bräutigams an den Vaterder Braut die freilich keinen eigentlichen Kauf darzustellen scheinen