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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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in relativ guter ökonomischer Lage handelt. Dann schliefst man näm-lich, dafs die Seele, die nicht einmal einer so kleinen Versuchung wider-stehen kann, eine besonders elende und schwache sein muls, währendeiner sehr erheblichen zu unterliegen, immerhin auch einer stärkerenbegegnen möchte! Entsprechend gilt das Bestochenwerden der Ver-kauf der Pflicht oder der Überzeugung als um so gemeiner, durcheine je kleinere Summe es geschieht. So wird die Bestechung tatsächlichals ein Kauf der Persönlichkeit empfunden, die danach rangiert, ob sieüberhaupt »unbezahlbar« ist, ob sie teuer oder ob sie billig fortgegebenwird. Die soziale Schätzung erscheint hier in ihrer Richtigkeit dadurchgarantiert, dafs sie nur der Reflex der Eigenschätzung des Subjektes ist.Aus dieser Beziehung der Bestechung zur ganzen Persönlichkeit stammtjene eigentümliche Würde, die der Bestechliche zu bewahren oder wenig-stens zu markieren pflegt, und die entweder als Unzugänglichkeit fürkleine Summen auftritt, oder, wo nicht einmal diese besteht, als einegewisse Grandezza, eine Strenge und Überlegenheit des Benehmens, dieden Geber in die Rolle eines Empfangenden herabzudrücken scheint.Dieses äufsere Gebaren soll die Persönlichkeit als eine unangreifbare, inihrem Werte gefestete darstellen, und so sehr es eine Komödie ist, wirftes doch, insbesondere da die andere Partei wie durch eine stillschweigendeKonvention darauf einzutreten pflegt, einen gewissen Reflex nach innenund schützt den Bestechlichen vor jener Selbstvernichtung und Selbst-entwertung, die dem Einsatz seines Persönlichkeitswertes für eine Geld-summe sonst folgen müfste. Bei den alten Juden und jetzt noch oft imOrient findet Kauf und Verkauf unter der Höflichkeitsformel statt, dafsder Käufer den Gegenstand als Geschenk annehmen möge. Also sogarbei so legitimen Transaktionen scheint es, als ob die eigentümlicheWürde des Orientalen auf ein Verstecken des eigentlichen Geldinteresseshinwirkte.

Das derartige Verhalten des Bestechlichen und die ganze Tatsacheder Bestechlichkeit überhaupt wird durch nichts so erleichtert und aus-gedehnt, als durch die Geldform derselben. Ganz prinzipiell ermöglichtdas Geld eine Heimlichkeit, Unsichtbarkeit, Lautlosigkeit des Besitz-wechsels, wie keine andere Wertform. Seine Komprimierbarkeit ge-stattet, mit einem Stück Papier, das man in die Hand jemandes gleitenläfst, ihn zum reichen Manne zu machen; seine Formlosigkeit und Ab-straktheit gestattet, es in den mannigfaltigsten und entferntesten Wertenanzulegen und es dadurch dem Auge der nächsten Umgebung ganz zuentziehen; seine Anonymität und Farblosigkeit macht die Quelle un-erkennbar, aus der es dem jetzigen Besitzer geflossen ist: es trägt kein