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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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Tribut an das Schamgefühl darstellt, gehört sie zu einem verbreitetenTypus: dafs ein unsittliches Verhalten sich einen Beisatz sittlicher Ele-mente angliedert, nicht um sein Unsittlichkeitsquantum herabzusetzen,sondern gerade um es realisieren zu können. Freilich zeigt sich auchhier, wie die Verhältnisse des Geldes von einer gewissen Quantitäts-grenze an ihren qualitativen Charakter wechseln. Es gibt gigantischeBestechungen, die, jene Schutzvorrichtung ebenso zweckmäfsig abändernd,auf die Heimlichkeit in demselben Mafse zugunsten eines gleichsamoffiziellen Charakters verzichten, in dem sie sie eben ihres Umfangeswegen technisch garnicht aufrecht erhalten könnten. In den zwanzigJahren zwischen der Zuerteilung der legislativen und administrativenSelbständigkeit an Irland und der Union mit England war den englischenMinistern das eigentlich unlösbare Problem gestellt, zwei verschiedeneStaaten mit einer einheitlichen Politik zu leiten und zwei selbständigeLegislaturen fortwährend in Harmonie zu erhalten. Sie fanden dieLösung in fortwährender Bestechung: alle die mannigfaltigen Tendenzendes irischen Parlaments wurden einfach dadurch, dafs man die Stimmenkaufte, in die erwünschte Einheit gebunden. So konnte von RobertWalpole einer seiner wärmsten Verehrer sagen: »Er war selbst völligunbestechlich; aber um seine politischen Absichten, weise und gerechtwie sie waren, zu erreichen, war er bereit ein ganzes Unterhaus zu be-stechen, und wäre nicht davor zurückgeschreckt, ein ganzes Volk zubestechen.« Ja, wie schon das reinste, seiner Sittlichkeit sich bewufsteGewissen des Bestechenden sogar mit der leidenschaftlichsten Verdammungder Bestechlichkeit zusammenbestehen kann, lehrt die Äufserung einesFlorentiner Bischofs auf dem Höhepunkt des mittelalterlichen Kampfesgegen die Simonie: er möchte den päpstlichen Stuhl erkaufen, und wenner ihn tausend Pfund kosten sollte, nur um die verfluchten Simonistenaustreiben zu können! Und wie es gerade der Riesenmafsstab von Geld-summen ist, der der Bestechung ähnlich wie der Prostitution dasBrandmal der Schamlosigkeit und deshalb das der Heimlichkeit erspart,findet vielleicht sein schlagendstes Beispiel daran: das gröfste Finanz-geschäft der beginnenden Neuzeit war die Aufbringung der Mittel, dieKarl V. zu den für seine Kaiserwahl nötigen Bestechungen brauchte!

Es kommt dazu, dafs gerade die aufserordentliche Höhe der Kauf-summe für Werte, die solchem Handel entzogen sein sollten, oft einegewisse Garantie dafür gibt, dafs das mit ihm attakierte öffentlicheInteresse keinen allzugrofsen Schaden leidet. Dals englische Königedie grofsen Ämter verkauften, bewirkte doch mindestens, dafs die Käufersich gut zu führen bestrebten: ein Mann, so heilst es, who had paid