Druckschrift 
Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
Seite
430
Einzelbild herunterladen
 

430

hat es auch sein Innerlichstes, insoweit es nur ein einzelner, angebbarerInhalt ist, doch schon aulser sich, als ein objektives, seinem Zentralpunkterst zugehöriges Haben, von der anderen her hat es auch sein Äufser-lichstes, insoweit es wirklich sein Besitz ist, in sich; indem es die Dingehat, sind sie Kompetenzen seines Seins, das ohne jedes einzelne dieserein anderes wäre. Logisch und psychologisch betrachtet ist es alsowillkürlich, zwischen Sein und Haben einen Grenzstrich zu ziehen. Wennwir diesen dennoch als sachlich berechtigt empfinden, so ist es, weilSein und Haben, auf ihren Unterschied hin angesehen, keine theoretisch-objektiven, sondern Wertbegriffe sind. Es ist eine bestimmte Wertartund Wertmafs, die wir unseren Lebensinhalten zusprechen, wenn wir sieals unser Sein, eine andere, wenn wir sie als unser Haben bezeichnen.

Denn deutet man von diesen Inhalten diejenigen, welche dem rätselhaften

Ich-Mittelpunkt nahe liegen, als unser Sein, die entfernteren als unser

Haben, so ist ihre Rangierung auf dieser jede scharfe Abgrenzung

offenbar ausschliefsenden Reihe doch nur durch die Verschiedenheit

der Wertgefühle herstellbar, von denen die einen und die anderen be- *

gleitet werden. Wenn wir an jenen Verkäufen das, was wir fortgeben,

unserem Sein, und das, was wir bekommen, unserem Haben zurechnen,

so ist das nur ein indirekter Ausdruck dafür, dafs wir ein intensiveres,

dauernderes, den ganzen Umkreis des Lebens berührendes Wertgefühl für

ein unmittelbareres, dringlicheres, momentaneres vertauschen.

Ist nun der Verkauf personaler Werte eine Herabminderung des indiesem Sinn bestimmten Seins, das direkte Gegenteil des »Aufsichhaltens«,so kann man ein Persönlichkeitsideal nennen, an dem jene Verhaltungs-weisen am entschiedensten mefsbar werden: die Vornehmheit undzwar deshalb so entschieden, weil dieser Wert für das Geldwesen über-haupt das radikalste Kriterium bedeutet; so dafs, an ihm gemessen,

Prostitution, Geldheirat, Bestechung die outrierten Zuspitzungen in einerReihe sind, die schon mit den legitimsten Formen des Geldverkehrsbeginnt. Für die Darstellung dieses Sachverhaltes handelt es sichzunächst um die Bestimmung des Vornehmheitsbegriffes selbst.

Die übliche Aufteilung unserer objektiven Schätzungsnormen inlogische, ethische und ästhetische ist, auf unser wirkliches Urteilen hinangesehen, ganz unvollständig. Wir schätzen etwa, um ein sehr augen-scheinliches Beispiel zu nennen, die scharfe Ausbildung der Individualität,die blofse Tatsache, dafs eine Seele eine eigenartige, in sich geschlosseneForm und Kraft besitzt; die Unvergleichbarkeit und Unverwechselbarkeit,mit der eine Person gleichsam nur ihre eigene Idee darstellt, empfindenwir als wertvoll, und zwar oft im Gegensatz zu der ethischen und