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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
Seite
431
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ästhetischen Minderwertigkeit des Inhaltes solcher Erscheinung. Abernicht um blofse Vervollständigung jenes Systems handelt es sich, sonderndarum, dals das systematische Abschlielsen als solches hier ebenso irrigist, wie bei den fünf Sinnen oder den zwölf Kantischen Verstandes-kategorien. Die Entwicklung unserer Art bildet fortwährend neueMöglichkeiten, die Welt sinnlich und intellektuell aufzunehmen, undebenso fortwährend neue Kategorien, sie zu werten. Und wie wir sostetig neue wirksame Ideale formen, so bringt vertiefteres Bewufstseinimmer weitere ans Licht, die bisher schon wirksame, aber unbewufstewaren. Ich glaube nun, dafs unter den Wertgefühlen, mit denen wirauf die Erscheinungen reagieren, sich auch eines findet, das man nur alsdie Wertung der »Vornehmheit« bezeichnen kann. Diese Kategoriezeigt ihre Selbständigkeit darin, dafs sie sich den sonst verschieden-artigsten und verschieden wertigsten Erscheinungen gegenüber einstellt:Gesinnungen wie Kunstwerke, Abstammung wie literarischen Stil, einenbestimmt ausgebildeten Geschmack ebenso wie die ihm zusagendenGegenstände, ein Benehmen auf der Höhe gesellschaftlicher Kultur wieein Tier edler Rasse alles dies können wir als »vornehm« bezeichnen;und wenn auch gewisse Beziehungen dieses Wertes zu denen der Sittlich-keit und der Schönheit stattfinden, so bleibt er doch immer auf sichruhen, da der gleiche Grad seiner mit den allermannigfaltigsten ethischenund ästhetischen Stufen vereint auftritt. Der soziale Sinn der Vornehm-heit: die exzeptionelle Stellung gegenüber einer Majorität, der Abschlufsder Einzelerscheinung in ihrem autonomen Bezirk, der durch das Ein-dringen irgend eines heterogenen Elementes sofort zerstört wäre gibtoffenbar den Typus für alle Anwendungen ihres Begriffes. Eine ganzbesondere Art des Unterschiedes zwischen den Wesen bildet den äufserenTräger des Vornehmheitswertes: der Unterschied betont hier einerseitsden positiven Ausschlufs des Verwechseltwerdens, der Reduktion aufeinen gleichen Nenner, des »Sichgemeinmachens«; andrerseits darf erdoch nicht so hervortreten, um das Vornehme aus seinem Sich-selbst-Genügen, seiner Reserve und inneren Geschlossenheit herauszulocken undsein Wesen in eine Relation zu Anderen, und sei es auch nur dieRelation des Unterschiedes, zu verlegen. Der vornehme Mensch ist derganz Persönliche, der seine Persönlichkeit doch ganz reserviert. DieVornehmheit repräsentiert eine ganz einzigartige Kombination von Unter-schiedsgefühlen, die auf Vergleichung beruhen, und stolzem Ablehnenjeder Vergleichung überhaupt. Als ein völlig erschöpfendes Beispielerscheint es mir, dafs das Haus der Lords nicht nur von jedem seinerMitglieder als sein einziger Richter anerkannt wird, sondern im Jahre